Weinverkostungen: Verbissene Analysen

Kolumne19. August 2015, 15:47
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Die hohe Kunst der Weinverkostung: Für viele unverzichtbar – aber eben nicht für alle

Es stellt sich die Frage, warum Liebhabereien gerne in todernste Angelegenheiten ausarten. Weintrinken zum Beispiel: Da wird nicht einfach nur genossen, nein, da muss verbissen analysiert, bewertet und kategorisiert werden. Gewissenhaft werden Notizen gemacht, gönnerhaft Punkte vergeben, als hinge davon das Überleben der gesamten Menschheit ab.

Insignien für Hochkultur

Weinverkostungen unter Privatiers versprühen meist die Unbeschwertheit einer Begräbniszeremonie: Ehrfürchtig wird das Glas geschwenkt, hochkonzentriert geschnüffelt, mit ernster Miene die Zunge geschnalzt, um schließlich den Wein in einen Blecheimer zu spucken. Das verschwörerische Zeremoniell erinnert an kultische Rituale noch unerforschter Amazonas-Ureinwohner. Jahrgang, Lage und Bodenbeschaffenheit sollen anhand von Duftnoten und Gaumenabdrücken zugeordnet werden. Selbsternannte Experten prahlen mit Viertelwissen und trommeln sich unter Urwaldgebrüll auf die Brust, wenn sie einen Treffer landen.

Irgendwann enden derlei Veranstaltungen dann in kindischem Gezanke. Dabei bewegen so welterschütternde Probleme, ob das edle Bordelaiser Gewächs die Röstnoten vom neuen oder gebrauchten Barrique hat, die erhitzten Gemüter. Erstaunlicherweise gelten Weinverkostungen dennoch als Insignien für Hochkultur. (Christina Fieber, Rondo, 19.8.2015)

  • Unter Privatiers sind Weinverkostungen häufig von Ehrfurcht und ernsten Mienen geprägt.
    foto: dpa/dpaweb

    Unter Privatiers sind Weinverkostungen häufig von Ehrfurcht und ernsten Mienen geprägt.

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