Umstrittener Kampf gegen Olivenbaumsterben

13. August 2015, 05:30
34 Postings

In Süditalien zerstört das Bakterium Xylella uralte Olivenplantagen, hunderttausende Bäume sollen verbrannt werden. Einheimische wittern eine Verschwörung

Lecce – Nach und nach vertrocknen Blätter, Äste und irgendwann der ganze Baum. Rund eine Million Olivenbäume der Halbinsel Salento, der Stiefelabsatz Italiens, sind befallen. Darunter etliche knorrige Exemplare, die Wind und Wetter jahrhundertelang trotzten. Nun erliegen sie den sogenannten Feuerbakterien Xylella fastidiosa: Der Erreger nistet sich in den Wasserleitbahnen der Bäume ein und dreht ihnen regelrecht den Saft ab. Ein Heilmittel gegen Complesso del Disseccamento Rapido dell'Olivo (CoDiRO) existiert bislang nicht.

"Das Ausmaß des Befalls ist schockierend", sagt Brion Duffy, Pflanzenpathologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, der die betroffene Region schon mehrmals besucht hat. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Bakterien ausbreiten, nicht minder: 2013 wurde Xylella als Auslöser des Olivenbaumsterbens nachgewiesen. Damals waren etwa 8.000 Hektar in der Provinz Lecce, dem Epizentrum des Ausbruchs, betroffen. Im Oktober 2014 waren es bereits 23.000 Hektar.

"Ein weiterer Ausbruch in Oria, 30 Kilometer von Lecce entfernt, hat große Besorgnis hervorgerufen", sagt Donato Boscia, Leiter des Instituts für nachhaltigen Pflanzenschutz in Bari, der maßgeblich an der Erforschung der Xylella-Epidemie beteiligt ist.

Italiens Regierung hat den Notstand ausgerufen. Die Region produziert mehr als 40 Prozent des italienischen Olivenöls. Der Xylella-Ausbruch wird allein dieses Jahr zu Verlusten in Millionenhöhe führen. Auch die EU ist alarmiert. Die Experten der europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) beurteilen das Risiko, dass sich der Erreger weiter ausbreitet, als "sehr hoch".

Tatsächlich weisen Xylella-Bakterien ein ungemein breites Wirts- und Vektorenspektrum auf. Sie befallen Mandel- und Zitronenbäume, Weinreben, Oleander – und nun auch Olivenbäume. Als Überträger kommt jedes Pflanzensaft saugende Insekt infrage: Diese Insekten fliegen von Baum zu Baum, stechen deren Leitbahnen an und verbreiten so die Bakterien.

Ausrottung fast unmöglich

"Das macht die Ausrottung des Erregers in einem betroffenen Gebiet praktisch unmöglich", sagt Duffy. Was passiert, wenn der Erreger auch in Griechenland und Spanien heimisch wird, möchte sich niemand ausmalen. Spätestens dann würde es auch der Verbraucher anhand von deutlich gestiegenen Olivenölpreisen zu spüren bekommen.

Die EU hat deswegen Notmaßnahmen veranlasst, die am 18. Mai in Kraft getreten sind. Dazu gehört eine 40 Kilometer lange Sicherheitszone, die die Halbinsel vom italienischen Festland abriegelt: Während die 30 Kilometer lange Überwachungszone als xylella-frei gilt, kommen in der zehn Kilometer breiten Pufferzone seit einigen Wochen radikale Methoden zum Einsatz: Mitarbeiter des Forstamts fällen kranke Bäume und verbrennen sie. Außerdem schneiden sie das Gras, pflügen den Boden um und versprühen Insektengift. Auch gesunde Bäume müssen daran glauben. In einem Umkreis von 100 Metern um einen kranken Baum müssen alle Wirtspflanzen vernichtet werden – eine Maßnahme, die die Olivenbauern auf die Barrikaden treibt. Bewaffnete Polizisten und Carabinieri beaufsichtigen aus diesem Grund das Beseitigen der Bäume.

Olivenbäume sind in Salento das Symbol einer eigenen Lebensart, sie prägen nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen. Seit Generationen produzieren diese Olivenöl – Xylella bedroht ihre Existenz und die Kultur. "Die Leute müssen Bäume fällen lassen, die schon Großeltern und Eltern pflegten", sagt Bascio.

Angeheizt wird der Protest durch verschiedene Theorien, die im Internet kursieren: Die italienische NGO Peacelink behauptete im März in einem Schreiben an die EU, es sei nicht bewiesen, dass Xylella die Ursache des Olivenbaumsterbens sei. Vielmehr werde es durch einen Pilz verursacht, den man behandeln könne. Im April veröffentlichte die EFSA eine Kurzmeldung, nach der es keine wissenschaftlichen Hinweise zur Stützung dieser Annahme gibt.

Agromafia unter Verdacht

Auch Boscia und seine Kollegen stehen in der Kritik: Sie haben 2010 an einem Workshop teilgenommen, bei dem mit Xylella-Bakterien gearbeitet wurde. Nun machen Gerüchte die Runde, denen zufolge die Wissenschafter die Bakterien freigesetzt hätten. Von Agromafia ist die Rede und von Interessen der Solarindustrie an frei werdenden Flächen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Wie die Fachzeitschrift Nature im Juni berichtete, handelt es sich allerdings bei dem Bakterium, das im Workshop untersucht wurde, und dem, das nun sein Unwesen treibt, um verschiedene Unterarten. Der Vorwurf an die Wissenschafter sei demnach unhaltbar.

Amerika kämpft schon lange gegen die Feuerbakterien. Seit ihrer Entdeckung im Jahr 1892 haben sie sich unaufhaltsam ausgebreitet. In Südamerika richten sie immer wieder verheerende Schäden bei Zitrusfrüchten an, in Nordamerika vernichten sie Weinreben. Europa blieb bislang verschont. Wie die illegalen Einwanderer nach Italien gelangt sind, ist unklar. Wissenschafter vermuten, dass sie über infizierte Zierpflanzen aus Costa Rica eingeschleppt wurden: Die in Italien grassierende CoDiRO-Unterart stimmt genetisch mit den costa-ricanischen Bakterien überein.

Das wäre gut möglich, denn im Anfangsstadium der Krankheit zeigen viele Pflanzen keine Symptome – sie sehen gesund aus, tragen die Bakterien aber bereits in sich. Das erschwert den Kampf gegen Xylella erheblich und erklärt die 40 Kilometer breite Sicherheitszone.

Ob die ergriffenen Vorkehrungen allerdings ausreichen, um die Bakterien in Schach zu halten, ist ungewiss: Schaumzikaden, die Hauptüberträger in Italien, könnten von Menschen oder Fahrzeugen aus der Quarantänezone exportiert werden und den Erreger so weiterverbreiten. Theoretisch müsste auch der Handel mit allen Wirtspflanzen untersagt werden, was alleine daran scheitert, dass nicht alle Wirtspflanzen bekannt sind. "Wir wissen viel zu wenig über den Erreger und seine Überträger", sagt Duffy. "Wir wissen nicht einmal, wie weit die Schaumzikaden fliegen können."

Die italienische Regierung und auch die EU haben Geld für die weitere Forschung rund um Xylella zugesagt. Boscia setzt dabei auch auf eine Art Open-Air-Labor: "In einem großen Teil der Provinz Lecce können wir auf das Vernichten der Olivenbäume verzichten, da die EU anerkannt hat, dass Xylella hier nicht mehr ausgerottet werden kann. Das gibt uns die Möglichkeit herauszufinden, wie man mit Xylella leben kann." (Juliette Irmer, 12.8.2015)

  • Die süditalienische Halbinsel Salento ist für ihre idyllische Landschaft bekannt, nun wird sie von einem Olivenbaumsterben geplagt. Im Bild: das Naturschutzgebiet Porto Selvaggio.
    foto: www.picturedesk.com / adriano bacchella

    Die süditalienische Halbinsel Salento ist für ihre idyllische Landschaft bekannt, nun wird sie von einem Olivenbaumsterben geplagt. Im Bild: das Naturschutzgebiet Porto Selvaggio.

  • Um die Xylella-Bakterien einzudämmen, werden Olivenbäume in einem Umkreis von 100 Metern um einen kranken Baum gefällt.
    foto: ap / gaetano loporto

    Um die Xylella-Bakterien einzudämmen, werden Olivenbäume in einem Umkreis von 100 Metern um einen kranken Baum gefällt.

  • Die Maßnahme sorgt für Unmut und wird daher von Carabinieri beaufsichtigt.
    foto: ap / gaetano loporto

    Die Maßnahme sorgt für Unmut und wird daher von Carabinieri beaufsichtigt.

Share if you care.