Lob der Ironie

13. August 2015, 08:19
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Was Ironie sein könnte – und warum wir sie dringend brauchen

Ein Bekannter erzählt mir, dass er am nächsten Tag auf ein Begräbnis müsse, weil seine Tante gestorben sei. Als ich nach meiner Beileidsbekundung frage, wie alt sie gewesen ist, sagt er mir: 91. Ich zeige daraufhin ein wenig Erleichterung, und er quittiert meine Geste mit dem Satz: Ja, die Hebamme trifft wohl keine Schuld mehr.

Ist die Ironie ein notwendiges Moment unseres Seins? Hilft sie uns dabei, mit solchen Situationen besser fertig zu werden? Was wäre, wenn wir sie nicht hätten? Würden wir ganz vom Gefühl des Augenblicks überwältigt? Wieso ist es wichtig, zu allem in einen Abstand treten zu können, um es von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten?

Was könnte Ironie sein?

Ironie kann als eine Form des Denkens bestimmt werden. Sie ist eine Art des In-der-Welt-Seins, die es uns ermöglicht, zu vermeintlich Unbedingtem in eine Differenz zu treten. Was ereignet sich, wenn wir denken? Unser Bewusstsein steht in einer Differenz zu den Gegenständen, die wir wahrnehmen und dann denken. Unser Wissen von ihnen sind nicht die Gegenstände selbst.

Es gibt also einen Spalt, den Hiatus von Denken und Sein. Doch auch das Denken selbst ist in sich gegensätzlich unterschieden. Wir denken ja nicht nur, sondern wissen auch, dass und was wir denken und wie es uns dabei geht, streng prinzipiell, vielleicht aber nur manchmal, oder passiert das nur manchen, einigen eher selten, dem einen oder anderen gar nie? Könnte nicht das Denken ob dieser Fähigkeiten selbst ironisch genannt werden? Es ist in vielfacher Weise von Widersprechendem umgeben und in sich widersprüchlich. Vielleicht fürchten sich die meisten Menschen nur davor, die Konsequenzen einer solch radikalen Ambiguität auszuhalten?

Weil nicht ist, was nicht sein darf

Wir können zu dem, was wir denkend als Realität wahrnehmen, in ein Verhältnis treten. Ironie ist die Macht zu spielen. Diese Form des Denkens eröffnet die Freiheit, mit anscheinenden Realitäten auf mehrfache Weise umzugehen. Erst so sind wir fähig, zu hinterfragen und zu interpretieren, den äußeren Schein zu entkleiden, um zum Kern vorzudringen. Das kann auch schmerzhaft sein, weil gewohnte Vorurteile enttäuscht werden.

Ist es, was es ist?

Was steht denn auf der anderen Seite der Ironie – die ernste Buchstabengläubigkeit, dass es so ist, wie es ist oder gesagt wurde, eindeutig definier- und beschreibbar: schwarz oder weiß, Hayek oder Keynes, entweder – oder? Fundamentalisten und Diktatoren sind keine Ironiker.

Die Herdentiere des Zeitgeistes scheuen sich, zu hinterfragen, was von den Kanzeln und Kathedern als alternativlose ökonomische Standardweisheit gepredigt wurde: Austerität, Austerität, sonst ist alles zu spät! Denn dazu müssten sich viele gefeierte Experten eingestehen, dass man jahrzehntelang das goldene Kalb, die entfesselte Finanzoligarchie, zum Monstrum hochgefüttert hat. Aber Goldman Sachs und Konsorten, unter renditensichernder Beihilfe von Moody's, Fitch sowie Standard & Poor's, werden es schon richten, sicher zu unser aller Besten.

Zum Glück gibt's für diese Fälle auch die von Daniel Kahnemann so schön beschriebene narrative Verzerrung, mit deren Hilfe man die eigenen Fehler rückwirkend als logisch-stringente Entwicklung reinterpretieren kann. Wer hat schon die Größe, öffentlich einzugestehen, dass er falsch gelegen ist, noch dazu, wenn man die Konsequenzen ungezügelter Deregulierung sieht, sofern man kann und möchte? Aber hier streifen wir schon an den therapeutischen Bereich.

Omnia vincit ironia?

Ein Ironiker weiss dagegen, dass seine Weltsicht sich um nichts näher an die Realität herantasten kann, als es die eines anderen tut. Er spielt mit den Möglichkeiten und Hinsichten, übt sich in der Leichtigkeit der Interpretationen. Ironie kann Freiheit ohne Verantwortung, bloßes Vergnügen um seiner selbst willen sein. Sie kann viele Formen annehmen, ob als einfache Geste, als veröffentlichte Karikatur, als Musikstück, Film, Geschriebenes und, in ihrer stärksten weil facettenreichsten Form, im Gespräch.

Welt, wie sie mir gefällt

Der Geist als freier Wille ist grundsätzlich disponibel, weil er dem Stoff gegenüber gleichgültig bleibt. Dies gilt auch für unsere früheren Überzeugungen, auch diese verändern wir im Laufe unseres Lebens immer wieder. Am besten gelingt das nach schmerzhaften Erfahrungen. Durch die transitive Natur ihrer Anspielungen kann die Ironie wunderbar zwischen den Zeilen lesen, weil sie Buchstabe, Geist und deren Beziehung zu unterscheiden und diesen Unterschied festzuhalten vermag, während sie sich in die Lüfte freier Assoziationsblasen tragen lässt, die herrlich und bunt zerplatzen.

Nix is fix, und das nur vielleicht

Die Ironie ist aber nicht nur das Gegenteil zu Buchstabengläubigkeit, ideologischer Verblendung oder naivem Scheuklappendenken. Sie ist noch etwas viel Schlimmeres, sie ist die doppelte Verneinung oder im Sinne Hegels die Negation der Negation, die absolute Negativität und kann daher alle Inhalte des Denkens vernichten. Als Disjunktion zwischen Geist und Zeichen des Geistes kann sie zum Schein sogar die Position des Gegners einnehmen, um diese dann durch Übersteigerung bloßzustellen. Ein Ironiker tut dies, um Erkenntnisgewinn zu ermöglichen. Die Autonomie des anderen wird geachtet, weil sie wesentlich vorausgesetzt wird, denn: It takes two to irony. Ein unverstandener Ironiker ist wohl eher das, was man eine tragische Gestalt nennen könnte.

Mut zur Unsicherheit

Es gibt unter ironischem Blick keine Ruhe vor dem Denken, kein blindes Vertrauen, keinen unmittelbaren Glauben. Die Ironie ist lakonisch, bürstet gegen den Strich, löst jede Kontinuität mit ihrer Prägnanz auf. Sie bewahrt uns damit vor den tödlichen Routinen, erweitert die Flexibilität im Denken und erhält die Achtsamkeit gegenüber falschen Versprechungen einfacher blau(äugig)er Lösungsmodelle. Die vermeintlich wirkliche Wirklichkeit, alle Welterklärungsmodelle, an denen man sich festhalten kann, ob rational oder irrational, werden durch die Ironie entzaubert, aufgelöst.

Dazu demnächst noch mehr.

Leo Hemetsberger ist Philosoph und Unternehmensberater, lehrt Ethik an der Militärakademie, als Dozent am Institut für Kulturkonzepte sowie im postgradualen Lehrgang für Philosophische Praxis an der Universität Wien. Als EPU berät er Unternehmen zu Ethik und Compliance, ist Executive Coach, als Trainer in Unternehmen und im Verwaltungsbereich tätig. Er ist Obmann der Gesellschaft für angewandte Philosophie.

  • Leo Hemetsberger, Autor des "Philoblogs"
    foto: josef m. fallnhauser

    Leo Hemetsberger, Autor des "Philoblogs"

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