Am Heißlaufplatz: 32 Kilometer bei 32 Grad im Schatten – ohne Schatten

Ansichtssache13. August 2015, 05:30
110 Postings

Andere Menschen haben andere Hobbys. Aber manchmal fragen wir uns schon, wieso wir in unserer Freizeit nicht Briefmarken sammeln. Oder Makramee-Eulen knüpfen. Oder uns einfach im Keller hinlegen: Stattdessen joggten wir am Sonntag 32 Kilometer durch die Sonne.

foto: thomas rottenberg

Die Sache ist nämlich Folgende: Um einen Marathon – wurscht in welcher Zeit – zu schaffen, reicht es nicht, ein- oder zweimal pro Woche 45 Minuten spazieren zu joggen. Normalerweise hat man daher einen Plan. Idealerweise einen, der von einem Menschen kommt, der tatsächlich weiß – und evaluiert – wie und wo man steht. Oder läuft.

Aber auch bei Online-Plänen kommt man an einem nicht vorbei: Langen und längeren Einheiten. Meist bei niedrigem Tempo: Der Körper soll sich dran gewöhnen, länger unterwegs zu sein.

Das ist es, was Sportmediziner als den "gesunden Teil" des Marathon-Trainings bezeichnen. (Der Bewerb selbst, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, ist nicht gesund). Freilich: Ob das "gesund" auch an einem Tag mit prognostizierten 38 Grad gilt, lassen wir mal dahingestellt.

1
foto: thomas rottenberg

Ich habe es vor ziemlich genau einem Monat an dieser Stelle schon angemerkt: Wer einen langen Lauf am Plan hat und nicht in der prallen Sonne losrennen will, der muss früh raus. Früher. Oder noch früher.

Christoph und ich hatten uns am Sonntag um sieben Uhr getroffen – und waren damit schon spät dran. Auch wenn man da bei der Urania noch "kreuzungsfrei" über den Kai kommt: Die schlauen Kollegen waren eine oder zwei Stunden vor uns gestartet. Mindestens.

2
foto: thomas rottenberg

Aber egal: Wir hatten beschlossen, es gemütlich anzugehen. Eine "chillige" Runde – also mit möglichst wenig (de facto: außer bei der Urania-Kreuzung keiner einzigen) Querungen von Straßen, halbwegs abwechslungsreichem Panorama, keinen Höhenmetern, der Chance hin und wieder vielleicht doch Schatten zu finden – und in der Nähe von Wasser.

3
foto: thomas rottenberg

Wer in Wien da auf 32 Kilometer kommen will, landet fast zwangsläufig irgendwann auch am Donaukanal. Der ist längst kein Geheimtipp mehr: Schon kurz nach sieben Uhr morgens ist da einiges los. Und wer glaubt, dass da nur die ausgezehrten Freaks und Extremsportler unterwegs sind, sollte einfach mal vorbeikommen – und sich von seinen Vorurteilen verabschieden.

4
foto: thomas rottenberg

Tagsüber, insbesondere am Nachmittag, meide ich diese Gegend mittlerweile. Laufen ist dann aufgrund der Menschenmassen ein bisserl mühsam – und Radfahren geht eigentlich gar nicht. Jedenfalls kein sportliches oder zügiges Radfahren. Weil aber der Anteil an Vollpfosten in allen Bevölkerungsgruppen in etwa gleich groß sein dürfte, pressen hier dann trotzdem Leider-Nein-Spitzensportler durch.

Liebe Leute: Hier spielen Kinder. Aber auch als erwachsener Fußgänger habe ich das Recht, hier friedlich zu spazieren. Dass man das erwähnen oder auf den Boden schreiben muss, ist eigentlich traurig.

5
foto: thomas rottenberg

Wobei ich Wert darauf lege, zu betonen, dass Rücksichtslosigkeit, Ignoranz und Dummheit eben keineswegs das Privileg eine bestimmten Mobilitätsgruppe sind: Dass man mit einem Lieferwagen so nicht parken darf, sollte klar sein.

Ein paar Meter weiter hat mich unlängst – ich saß am Rad – ein anderer Radfahrer in einer fast identen Situation abgeschossen: Von hinter dem Autoheck war plötzlich jemand mit Kinderwagen auf den Radweg ausgewichen und mir gegenüber gestanden. Vollbremsung, Ausweichbewegung – und der Radfahrer, der hinter mir angerauscht kam, entschied sich (richtigerweise), statt mit dem Kinderwagen, lieber mit mir über die Böschung zu fliegen. Plan B wäre der Lieferwagen gewesen. Plan C ein Brückenpfeiler, der den Weg just hier noch enger machte.

6
foto: thomas rottenberg

Von Wien Mitte, unserem Startpunkt, bis hierher sind es ziemlich genau sieben Kilometer. "Hier" ist der Steinitzsteg. Aber kaum ein Wiener kennt die gelbe Radfahrer- und Fußgängerbrücke unter ihrem richtigen Namen – jeder sagt einfach "Nordsteg".

Dass der Steg nach Wilhelm Steinitz, dem ersten Schachweltmeister der Welt benannt ist, weiß kein Schwein. Und das ist schade. Denn auf Leute wie Steinitz darf man stolz sein: www.karlonline.org/. Obwohl ich zugebe, dass wir am Sonntag hier nicht über Schach plauderten:

7
foto: thomas rottenberg

Wir waren knapp 45 Minuten unterwegs, hatten nicht einmal ein Viertel unserer Strecke in den Beinen – und obwohl es noch nicht einmal acht Uhr in der Früh war, zeigte das Thermometer auf meiner Uhr bereits über 30 Grad an.

Und auch wenn das nicht die tatsächliche Außentemperatur war (keine Ahnung, welche Rolle da Körpertemperatur, Bewegung und wasweißdennichnochwelche Parameter spielen und wie diese Uhren dann zu ihren Werten kommen), war die Differenz zum Startzeitpunkt signifikant: Beim Loslaufen hatte die Uhr 27 Grad angesagt – und ab jetzt, auf der Insel würde die Sonne direkt auf uns runter knallen. Und minütlich an Kraft gewinnen.

8
foto: thomas rottenberg

Das Spiel nennt sich dann eben "Schatten suchen". Plötzlich wird jede Hecke zum Freund. Sobald man in die Sonne kommt, geht der Puls um drei, vier Schläge hinauf – und zwar sogar schon bei dem Bummeltempo, mit dem wir unterwegs waren.

9
foto: thomas rottenberg

Wasser ist an Tagen wie diesen ein echtes Thema. Normalerweise bin ich in Wien ohne Flasche unterwegs: 15 Kilometer "trocken" gehen locker. Außerdem gibt es hunderte öffentliche Trinkbrunnen. Ein kurzer Blick auf die interaktive Wasserstellen-Karte zahlt sich vor einem Lauf durchaus aus. Wenn überhaupt, klippse ich bei längeren Läufen deshalb eine 0,25 oder 0,3-Liter Flasche an den Gürtel.

10
foto: thomas rottenberg

Nur: Heute war anders. Christoph hatte eine 0,75er-Flasche im Rucksack, ich zwei 0,5 "Soft Flasks" von Salomon dabei. Ich stehe auf die Dinger: Die Softflaschen lassen sich wie Tuben aus- und zusammenquetschen – das ist nicht nur beim Trinken praktisch, sondern auch unterwegs: Da schwappt und schwabbelt nix.

Dass die Trail-Ausrüstung in der Stadt deplatziert wirkt? Mir doch wurscht. (Zum Thema Wasser- und sonstiger Transport kommt hier demnächst ein bisserl mehr)

11
foto: thomas rottenberg

14 Kilometer in den Beinen. Die Sonne schon höher am Himmel. Vom Einlaufwehr der Insel flussabwärts würden wir sie jetzt durchgehend im Gesicht haben. Dass es schon nach acht Uhr früh war, bemerkte man auch an der Sportlerdichte in den U-Bahn-ferneren Zonen des Spielplatzes "Großstadt".

Wobei: Hand- und Roadbiker brauchen keine Öffis – und sind mit einem Tempo unterwegs, das uns neidig macht. Fahrtwind kühlt schließlich. Oder?

12
foto: thomas rottenberg

Wir waren schon schneller. Christoph sowieso: Er ist normalerweise der weit stärkere Läufer. Aber heute ist irgendwie anders. Das Thermometer der Uhr zeigt mittlerweile 34 Grad. Und wir sind noch nicht einmal bei der Hälfte der Strecke.

Die Pace liegt weit über sechs Minuten pro Kilometer. Unser Wettkampftempo sollte fast eine Minute schneller sein. Wir sehen einander an: "Unmöglich. Genießen wir es lieber."

13
foto: thomas rottenberg

Ich war noch nie in der Schilfhütte. Und eigentlich stand das bisher auch nie am Plan. Aber DIESES Special könnte so grandios jenseitig sein, dass ich es mir vielleicht überlege: Robinson! Anita! Und auch noch "auf" der Hütte!

14
foto: thomas rottenberg

"Ich glaube, der Wasserpark ist Wiens unbekanntester Park", meint Christoph. Mag sein. Ich kenne ihn auch nur vom Hin-und-Wieder-Durchlaufen. Obwohl er wirklich nett ist, habe ich ihm noch nie besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Heute fällt mir aber eines auf: Schatten.

15
foto: thomas rottenberg

Außerdem gibt es hier öffentliche Fitnessgeräte. Als diese Dinger vor ein paar Jahren auch in Wien auftauchten, hätte ich jede Wette abgeschlossen, dass die höchstens von Vandalen "genutzt" werden würden: Manchmal bin ich echt froh, wenn ich falsch liege.

16
foto: thomas rottenberg

Obere Alte Donau. Am Ufer sitzen ein Bub und sein Vater. Der Bub pumpt eine Luftmatratze auf, der Vater sitzt daneben und hält den Schlauch. Der Vater hat ungefähr die Figur von Jabba the Hut: Es sieht aus, als pumpe der Bub den Vater auf. Wir sehen es beide, aber ich drücke nicht auf den Auslöser: Die Versuchung, das Bild dann doch zu veröffentlichen wäre zu groß.

Die Läufer-Dichte steigt wieder: Zeit und Ort bedingen das. Wir spielen eins unserer liebsten Spiele: Andere Läufer aufgrund von Laufstil, Haltung und Gewand nach den Strecken, für die sie wohl trainieren, einordnen. Mittlerweile sind wir darin ziemlich gut (manchmal fragen wir dann nämlich).

17
foto: thomas rottenberg

24 Kilometer. Mittlerweile heißt es nicht "noch", sondern "nur mehr" – weil die verbleibende Strecke im einstelligen Kilometerbereich liegt. So doof das klingt: Das macht einen Unterschied.

Eigentlich sollten wir spätestens hier das Tempo ein bisserl forcieren. Sätze, die mit "eigentlich" beginnen, ignorieren wir.

18
foto: thomas rottenberg

Wir sind zweieinhalb Stunden unterwegs. Halb zehn am Vormittag – und die besten Plätze an der Unteren Alten Donau sind längst besetzt. Manche der Badenden schauen uns mitleidig nach. Manche schieben Meldungen. Wir wissen: Sie haben recht. Zugeben würden wir das nie: "Ihr seid doch nur neidig!" Sind sie nicht. Aber: Irgendwas müssen wir uns doch einreden.

19
foto: thomas rottenberg

"Das ist jetzt aber nicht wahr." Doch ist es. Der Mann zieht tatsächlich einen großen Hartschalen-Reisekoffer hinter sich her. Auf der Donauinsel. Knapp oberhalb der Steinspornbrücke. Das ist kein Obdachloser. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich sehe oder halluziniere. Und beschließe, es erst zu glauben, wenn Mann und Koffer auch am Foto sind. Ich muss ja nicht alles verstehen, oder?

20
foto: thomas rottenberg

Bei Kilometer 30 sind wir knapp vor der Steinspornbrücke. U-Turn – und zurück Richtung Wakeboard-Lift. Ich war schon mit etlichen Läufern unterwegs, die nach weit kürzeren Strecken und bei weit "zivileren" Temperaturen technisch und stilistisch da längst nicht mehr mithalten könnten: Auf diese Leichtigkeit bei Kilometer 31 darf man schon auch stolz sein.

21
foto: thomas rottenberg

Habemus 32. Hallelujah.

22
foto: thomas rottenberg

Den Badenden ringsum dürften wir nicht ganz geheuer sein. Egal. Ab ins Wasser. Und am liebsten nie wieder raus.

23
foto: screenshot

Ok: Schnell waren wir wirklich nicht. Aber: Was soll´s?

Darum ging und geht es nicht: Wir hatten Spaß. Und kamen durch.

Das lag vermutlich an der "Vorbereitung" am Tag davor, dem Samstag: Da hatten wir Bahntraining. Intervalle. Also Tempoarbeit. Zwölf mal 400 Meter voll – dazwischen jeweils 90 Sekunden Pause. 36 Grad im Schatten. Nur: da war halt kein Schatten. Aber das ist eine andere Geschichte. (Thomas Rottenberg, 12.8.2015)

24
Share if you care.