Missbrauchsskandal erschüttert "Land der Reinen"

10. August 2015, 15:36
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In Pakistan sollen hunderte Kinder für Pornos sexuell missbraucht worden sein. Die Polizei hat angeblich die Täter gedeckt

Islamabad/Neu-Delhi – Die meisten Opfer waren jünger als 14 Jahre, manche sogar erst sechs Jahre alt. "Viele Kinder versuchten, sich vor der Kamera zu verstecken", berichtete die Journalistin Rameeza Majid Nizami, die sich einige Clips anschaute. Über Jahre soll ein Pädophilenring in der pakistanischen Provinz Punjab hunderte Kinder missbraucht und die Taten gefilmt haben. Saba Sadiq vom Kinderschutzbüro der Provinz spricht vom "größten Kindesmissbrauchsskandal in der Geschichte Pakistans".

Mit den Aufnahmen erpressten die Täter nicht nur die Eltern und nötigten die Kinder zu weiteren Pornos. Der Skandal hat das "Land der Reinen", wie "Pakistan" übersetzt wird, schockiert und aufgewühlt, auch weil er der Gesellschaft einen wenig schmeichelhaften Spiegel vorhält. Die Zeitung "The Nation", die als Erste Details veröffentlichte, sprach von einem "nationalen Gefühl der Schande, Scham und Empörung".

Politiker und Polizisten offenbar involviert

So sollen lokale Politiker und Polizei in das Verbrechen verstrickt sein oder dieses gedeckt haben. Der Missbrauch soll bereits 2006 begonnen haben, doch die Polizei soll über Jahre die Täter geschützt haben. Es gibt Vorwürfe, dass lokale Politiker Druck ausübten, das Verbrechen zu vertuschen. Eltern, die Anzeige erstatten wollten, wurden angeblich abgewiesen oder bedroht. Erst als es zu gewalttätigen Protesten kam und 400 erboste Dorfbewohner lokale Polizisten attackierten, wurde der Skandal vor einigen Tagen publik.

Noch ist das Ausmaß nicht absehbar. Medien berichten, dass 280 Buben und Mädchen in drei Dörfern missbraucht wurden. Die Polizei stellte 400 Videos sicher und nahm sieben Männer fest, sie sprach allerdings nur von elf Missbrauchsopfern und stellte den Skandal als Landdisput zwischen zwei verfeindeten Clans dar. So hätten ein paar Schüler mit ihren Handys einige Sexvideos gemacht, die nun instrumentalisiert würden.

Kommission ermittelt

Eltern warfen der Polizei Untätigkeit vor. "Wir trauen der Polizei nicht. Wir fordern, dass Armeechef Raheel Sharif uns hilft", zitiert "The Nation" die Mutter einer missbrauchten Zwölfjährigen. Der Regierungschef der Provinz Punjab, Shahbaz Sharif, setzte eine Ermittlungskommission ein.

Die meisten Opfer stammen aus bescheidenen Verhältnissen. Der Täterkreis soll aus 25 Männern bestehen, die über Jahre Kinder verschleppten und vor der Kamera zu sexuellen Handlungen gezwungen haben sollen – in Häusern, auf Feldern, auf Toiletten. Die Täter sollen ihre Opfer auch genötigt haben, sich gegenseitig zu missbrauchen. Fast jedes Kind im Dorf sei betroffen, erzählten Eltern aus dem Dorf Hussein Khanwala im Distrikt Kasur.

Einige Kinder wurden offenbar unter Drogen gesetzt. "Ich war gerade neun Jahre alt, als sie mich entführten und in ein leeres Haus brachten. Dort misshandelten sie mich. Dann gaben sie mir eine Spritze in den Rücken und ich wurde von mehreren Männern unter vorgehaltener Waffe vergewaltigt. Ich entschloss mich, niemanden etwas zu erzählen. Aber sechs Monate später zeigten sie mir das Video, nachdem ich mich weigerte, wieder sexuelle Handlungen vor der Kamera auszuführen. Es war schrecklich", zitieren Medien einen nun zehn Jahre alten Jungen.

Eltern der Opfer erpresst

Anschließend erpressten die Täter die Kinder oder deren Eltern mit den Aufnahmen. Viele Familien zahlten laut Medien aus Scham hohe Summen Schweigegeld. Die Videos wurden für 50 Rupien, umgerechnet knapp 47 Cent, in Pakistan auf dem Schwarzmarkt verkauft. Einige Clips wurden aber offenbar auch für höhere Summen in den Westen geliefert. Filme sollen auf Pornoseiten in den USA, in Großbritannien und Europa aufgetaucht ein.

Kindesmissbrauch ist ein verbreitetes Problem in ganz Südasien. Vor allem Kinder aus armen Verhältnissen oder aus Slums sind leichte Beute. Ende der 1990er-Jahre hatte der Serienmörder Javed Iqbal in Lahore 100 Jungen missbraucht, ermordet und zerstückelt. Auch damals soll die Polizei erst spät aktiv geworden sein. 2006 machte das "Haus des Horros" im indischen Noida, einem Vorort von Neu-Delhi, Schlagzeilen. Dort sollen dutzende Kinder aus einem anliegenden Slum ermordet und ihre Organe ausgeschlachtet worden sein. Die Polizei hatte Eltern der vermissten Kinder immer wieder abgewimmelt, weil die Mörder sie geschmiert haben sollen. (Christine Möllhoff, 10.8.2015)

  • In Lahore wird für Aufklärung im Missbrauchsskandal protestiert.
    foto: ap/k.m. chaudary

    In Lahore wird für Aufklärung im Missbrauchsskandal protestiert.

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