"E.A.T.": Wenn Maschinen Feuer spucken

10. August 2015, 16:50
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"Experiments in Art and Technology" nannte sich in den 1960er-Jahren in den USA eine Kollaboration von Ingenieuren und Künstlern, die nun im Salzburger Museum der Moderne vorgestellt wird

Salzburg – Für das New Yorker Publikum war der Feuerwehrmann ein Spielverderber. Denn 27 Minuten nach dem Start von Jean Tinguelys ohrenbetäubendem Spektakel Homage to New York 1969 im Garten des Museum of Modern Art, bei dem sich ein rauchendes, stinkendes und dank improvisierter Schlagwerke einen Höllenlärm veranstaltendes Maschinenungetüm aus Motoren, Rädern und allerlei Schrott allmählich zerstören sollte, löschte dieser den Brand im Klavier.

Am liebsten hätten sie ihn gelyncht, erinnerte sich später Billy Klüver, jener Ingenieur, der dem Maschinenkünstler des Nouveau Réalisme beim dreiwöchigen Bau der aus rund 100 Abläufen bestehenden Konstruktion behilflich war. Klüver beschrieb die drei Minuten, bis "endlich!" gelöscht wurde, jedoch als "die längsten drei Minuten meines Lebens".

Grund: ein eingebauter Schaumlöscher, der sich als Teil des Kunst-Krawumms mit lautem Zisch entleeren sollte, löste nicht aus, und man befürchtete, das Ding könnte wegen der nahen Flammen explodieren. Auch Tinguely sei außer sich gewesen und schimpfte den tiefenentspannten, amüsiert zuschauenden Feuerwehrmann einen "Theoretiker des Feuers". Was beide nicht wussten, der Professionist allerdings schon: Es drohte wirklich keine Gefahr.

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Videofragmente der Originalperformance von Jean Tinguely 1960 im Garten des Museums of Modern Art (MoMA) in New York.

Dem Irrtum mit der Spaßbremse saß auch die New York Times auf; für sie war die vorzeitig beendete Performance gescheitert – "Machine tries to die for its Art" – und schloss mit den Worten: Die Arbeit sei "mit New Yorks Feuerbestimmungen kollidiert".

Obwohl solche Fehlinterpretationen von Kunst einmal eine eigene Ausstellung wert wären, steht die historische Aktion aus anderen Gründen am Beginn der Schau E.A.T. – Experiments in Art and Technology im Museum der Moderne auf dem Mönchsberg.

Hoch hinaus gedacht

Denn damals, als die Herrschaft der Leinwandkunst, von abstraktem Expressionismus und Farbfeldmalerei, bereits schwächelte, sollen die Künstler auf den Geschmack gekommen sein. Klüver wurde immer häufiger gebeten, sein Know-how in Kunstwerke einzubringen – später fungierte er oft als Schnittstelle zwischen Ingenieuren und chaotischeren Kreativen, die zwar hoch hinaus dachten, aber mit der neuen Technik einfach nicht zurande kamen.

E.A.T. sollte diese Kollaboration, die zwischen 1966 und 1973 ihre intensivste Phase erlebte, heißen. Man war der Offenheit und dem Experiment verpflichtet. Das war auch der Grund, warum Tinguelys Arbeit, die einige geplante Pirouetten wegen Unvorhergesehenem, wegen Material- und Baufehlern, nicht vollführte, gar nicht scheitern konnte, so Klüver: "Die Maschine war kein funktioneller Gegenstand und wurde auch niemals als solcher behandelt." Er sah in den dynamischen Wendungen, in dem, was dem Plan zuwiderlief, auch den Link zur Poesie eines Phänomens – zu New York.

foto: rainer iglar
Hommage an "Homage to New York" im Museum der Moderne in Salzburg

Fakt ist, die Maschine war nach einer halben Stunde ziemlich tot, dann begann die Leichenfledderei des Souvenirs sammelnden Publikums. Vor einer Fototapete drapiert man daher in Salzburg nun einige rostige Überbleibsel: einen Ventilator, ein Wägelchen mit Hupe und eine mit Schießpulver betriebene Münzschleuder, die Robert Rauschenberg quasi als Maskottchen gestiftet hatte. Der Rest muss mithilfe von superkurzen Bewegtbildstrecken und Texten imaginiert werden.

Fantasie ist auch bei der sonstigen Präsentation gefragt: Die wenigsten der Technikspielereien sind als Relikte physisch präsent, das meiste soll sich mittels Fotos, Beschreibungen, Skizzen und – den Produktionsjahren entsprechend – qualitativ eher dürftigem Videomaterial erschließen. Quasi hautnah erleben lassen sich hingegen Jean Dupuys tanzende Farbpigmente, gesteuert von Herz- und Pulsfrequenzen, Lucy Youngs Motorwelle, die ein Stoffband wie eine Fontäne in die Luft spuckt, oder Andy Warhols mit Helium und Sauerstoff gefüllte Silberwolken aus Skotchpak-Material.

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Andy Warhols "Silver Clouds"

Robert Whitmans Solid Red Line (1967) besteht etwa einzig aus einer sich über alle vier Wände ziehenden Laserlinie. Allerdings zauberte daraus einst der Zigarettenqualm der Besucher eine Ebene aus Licht. Würde man sich heute in einem Museum eine Zigarette anzünden, würde das durchaus auch Prozesse auslösen.

Tennisspiel mit Glockenschlag

Zu den Höhepunkten von E.A.T. zählen etwa die "9 Evenings: Theatre & Engineering" 1966 in New York, die mit einigen technischen Pannen die Geduld der Zuschauer auf die Probe stellten. Ein Teil war Rauschenbergs Tennisperformance Open Score: Wenn der Ball auftraf, klang das so, als würde man mit Metallschlägern Metallkugeln über das Netz katapultieren. Glockenschlag um Glockenschlag löschte sich auch das Hallenlicht.

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Robert Rauschenberg, "Open Score", 1966 (Teil von "9 Evenings")

Pepsi-Pavillon

Spektakulär soll der Expo-Beitrag Pepsi-Pavillon 1970 in Osaka gewesen sein, mit Licht- und Soundperformances unter einer verspiegelten Kuppel. Dem Geldgeber Pepsi war das jedoch zu extravagant; nach wenigen Wochen Zeit bespielten diese den Ort mit einem Disney-Soundtrack.

© j. paul getty trust. getty research institute, los angeles (2014.r.20) foto: shunk-kender
Pepsi-Pavillon 1970 in Osaka mit den "Floats" von Robert Breer.
© j. paul getty trust. getty research institute, los angeles (2014.r.20) foto: shunk-kender
Die motorisierten "Floats" rollten so langsam vor dem Expo-Pavillon, dass man ihre Bewegung kaum wahrnehmen konnte. In einem Video zu einer Ausstellung 2011 sieht man sie etwa in Minute 2:00 bis 2.15.

Funkgeräte und Fotozellen waren etwa die Soundquellen in Variations V, einer Art audiovisueller Choreografie von John Cage und Merce Cunningham; eine Kakofonie wenig harmonischer Klänge, von denen manche an UKW-Störgeräusche erinnern, die mittels Oszillatoren oder Tonbandgeräten manipuliert wurden.

Wer mit Rechteck- oder Sägezahnoszillatoren, Ring- und Frequenzmodulation, Filtern und Hüllkurven vertraut ist – oder damit sogar Sounds kreiert hat -, der dürfte an dieser und auch an den zahlreichen anderen Experimenten Freude haben. Im Nachvollziehen liegt fast der ganze Spaß.

Man hadert mit seinem technologieverwöhnten Bewusstsein, trotzdem scheitert man beim Versuch, sich erfahrungstechnisch in einen Technologie-Wissenszustand anno 1966 zu versetzen, um sich ehrlich staunende Ahs und Ohs abzuringen. Es ist wie eine superwilde Party, die man verpasst hat und von der einem ein Augenzeuge ein verwackeltes Handyvideo zeigt. (Anne Katrin Feßler, 10.8.2015)

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"9 Evenings", 1966 in New York
  • Zur Zeit der Mondmissionen fanden technologieverliebte Ausstellungen wie "Some More Beginnings" 1968 im Brooklyn Museum großes Interesse.
    foto: brooklyn museum archives. records of the department of painting and sculpture: exhibitions. some more beginnings: experiments in art and technology (e.a.t.)

    Zur Zeit der Mondmissionen fanden technologieverliebte Ausstellungen wie "Some More Beginnings" 1968 im Brooklyn Museum großes Interesse.

  • E.A.T. bei der Expo 1970 in Osaka: Licht- und Soundperformances unter einer verspiegelten Kuppel des Pepsi-Pavillons.
    © j. paul getty trust. getty research institute, los angeles (2014.r.20) foto: shunk-kender

    E.A.T. bei der Expo 1970 in Osaka: Licht- und Soundperformances unter einer verspiegelten Kuppel des Pepsi-Pavillons.

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