Chef verzichtet auf Millionengehalt

12. August 2015, 12:32
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Dan Price hat einen Mindestlohn von jährlich 70.000 Dollar eingeführt und verlor deswegen Mitarbeiter

Um seinen Angestellten in den nächsten drei Jahren eine maßgebliche Lohnerhöhung zu ermöglichen, setzte Dan Price auch bei sich selber den Rotstift an: Der 30-jährige Geschäftsführer des Bezahldienstes Gravity Payments kündigte an, sein eigenes Gehalt von einer Million US-Dollar auf 70.000 Dollar (63.270 Euro) zu senken – das ist auch der neue Mindestlohn, den alle Mitarbeiter des Unternehmens bald verdienen sollen.

Für diese Aktion erntete er zunächst lauten Beifall. Price war Dauergast in Talkshows, das Unternehmen erreichten tausende Bewerbungen, Wirtschaftsprofessoren in Harvard starteten gleich eine Fallstudie und die Herzen vieler Singlefrauen flogen dem 30-jährigen Price zu, berichtete die "New York Times".

Kritik und Streit in eigenen Reihen

Trotzdem waren nicht alle begeistert, ausgerechnet aus den eigenen Reihen kam Kritik. Price verlor einige wichtige Mitarbeiter. Diese waren nicht damit einverstanden, dass Kollegen, die weniger als sie verdienten, plötzlich gleich viel bekommen sollten. Stephanie Brooks, die bei Gravity Payments als Sekretärin arbeitet, ist nach der Erhöhung zumindest skeptisch, weil sie die Gehaltserhöhung in ihren Augen einfach nicht verdient habe, sagte sie zu den "New York Times".

Nicht nur das – auch manche Kunden sprangen ab. Zu guter Letzt eskaliert nun auch noch der Streit zwischen Dan und seinem Bruder Lucas Price, der Kogründer des Unternehmens ist. Er fühlt sich in seinen Rechten als Shareholder verletzt und zieht gegen den Bruder vor Gericht.

Teilweise doppeltes Gehalt

"Ja, der Weg war ziemlich holprig und die Herausforderungen groß", sagte Price in einem Interview mit dem Sender CNN, er sei aber trotzdem überzeugt von seinem Entschluss und begeistert, die Herausforderung anzunehmen. Die Entscheidung mancher Mitarbeiter, das Unternehmen zu verlassen, respektiere er, aber er lasse sich dennoch nicht von seiner Idee abbringen.

Von der Gehaltserhöhung betroffen sind etwa 70 der insgesamt 120 Mitarbeiter des in Seattle beheimateten Unternehmens. Für etwa 30 Leute bedeutet die Erhöhung eine Verdoppelung ihres Gehalts. Wenn es möglich sei, die Menschen so zu bezahlen, dass sie ein normales Leben führen können, dann sehe Price es als moralischen Imperativ, für diesen Standard zu sorgen, sagte er gegenüber CNN.

Viel Bewegung in Sachen Mindestlohn

Die Entscheidung zu höherem Lohn bei Gravity Payments ist eine von vielen Reaktionen auf die von vielen US-Amerikanern geforderten Änderungen in Sachen Mindestlohn: Der von der US-Regierung festgelegte Mindestlohn beträgt 7,25 Dollar (6,60 Euro) pro Stunde. 2014 forderte Barack Obama den Kongress noch auf, eine Erhöhung auf 10,10 Dollar (9,10 Euro) durchzuführen. Das Warten satt hatten aber 21 Bundestaaten – plus der District of Columbia – und sie kamen mit selbstständigen Erhöhungen ab Jänner 2015 zuvor.

So liegt der Mindestlohn in New York bei 8,75 Dollar (7,90 Euro), 2016 soll er auf neun Dollar angehoben werden. In Washington stieg der Lohn auf stündliche 9,47 Dollar (8,50 Euro), in Washington DC werden mit 10,50 Dollar (9,50 Euro) sogar Obamas Erwartungen übertroffen. 2016 soll der Mindestlohn dann nochmals steigen – auf 11,50 Dollar (10,40 Euro) pro Stunde.

Außerdem gibt es für die einzelnen Branchen unterschiedliche Mindestverdienste: Im Juli beschloss die Stadtregierung von New York den Mindestlohn für Mitarbeiter der Fastfood-Unternehmen bis Ende 2018 von 8,75 auf 15 Dollar (13,60 Euro) anzuheben. Der Rest des Bundesstaats soll bis zur Mitte des Jahres 2021 folgen. Zuvor kündigten Los Angeles, San Francisco und Seattle die gleichen Erhöhungen für Mitarbeiter von Fastfood-Restaurants an.

Schlecht-Bezahler reagieren

McDonald's hat nun unter steigendem öffentlichem Druck eine Lohnerhöhung beschlossen. Die Neuregelung gilt für zehntausende Mitarbeiter in den USA. Seit Juli liegt das Einstiegsgehalt einen Dollar über dem Mindestlohn des jeweiligen US-Bundesstaats. Bis Ende 2016 soll der durchschnittliche Stundenlohn von neun auf zehn Dollar steigen. Außerdem will der Konzern Angestellten künftig unter bestimmten Bedingungen bezahlte Auszeiten erlauben.

Diese Verbesserungen betreffen allerdings nur Mitarbeiter in den konzerneigenen Schnellrestaurants. Da 90 Prozent der mehr als 14.300 US-Filialen von Franchisepartnern betrieben werden, betrifft die Maßnahme nur etwa 90.000 von rund 750.000 Angestellten.

Obama begrüßt höhere Bezahlung

Als Beispiel für geringe Bezahlung in den USA wird auch immer wieder Walmart genannt. Auch hier kam es dieses Jahr zu lange geforderten Änderungen, die sogar von Präsident Obama kommentiert wurden: "Walmart hebt die Gehälter an – nicht nur, weil es richtig ist, das zu tun – sondern auch, weil es gut für das Geschäft ist." Der Anstieg fällt allerdings eher bescheiden aus: Die Bezahlung der Teilzeitkräfte steigt im Schnitt auf zehn Dollar und die der Vollzeitkräfte auf 13 Dollar (11,75 Euro) pro Stunde an. Das Startgehalt soll bei neun Dollar liegen.

Großzügiger ist da Facebook, wo es im Mai ebenfalls zu Änderungen im Mindestlohn kam: Das Unternehmen hat Lieferanten und Vertragspartner in den USA dazu verpflichtet, überwiegend für das soziale Netzwerk tätige Mitarbeiter mindestens mit 15 Dollar pro Stunde zu entlohnen. Außerdem sollen zumindest 15 bezahlte Urlaubstage drinnen sein, wie COO Sheryl Sandberg in einem Blogeintrag angekündigt hat. (lhag, 12.8.2015)

  • Zwei Mitarbeiter von Gravity Payments bei der Arbeit – hinter ihnen das Firmenmotto. CEO Dan Price verzichtet auf ein Millionengehalt, um den Mindestlohn seiner Mitarbeiter zu erhöhen.
    foto: warren/ap

    Zwei Mitarbeiter von Gravity Payments bei der Arbeit – hinter ihnen das Firmenmotto. CEO Dan Price verzichtet auf ein Millionengehalt, um den Mindestlohn seiner Mitarbeiter zu erhöhen.

  • In vielen US-Städten fanden dieses Jahr Demonstrationen und Kundgebungen für die Erhöhung des Mindestlohns statt, ...
    foto: lane/epa

    In vielen US-Städten fanden dieses Jahr Demonstrationen und Kundgebungen für die Erhöhung des Mindestlohns statt, ...

  • ... teilweise mit Erfolg: Im Juli beschloss die Stadtregierung von New York den Mindestlohn für Mitarbeiter der Fastfood-Unternehmen bis Ende 2018 von 8,75 auf 15 Dollar anzuheben.
    foto: mcdermid/reuters

    ... teilweise mit Erfolg: Im Juli beschloss die Stadtregierung von New York den Mindestlohn für Mitarbeiter der Fastfood-Unternehmen bis Ende 2018 von 8,75 auf 15 Dollar anzuheben.

  • Auch McDonald's geriet unter Druck und beschloss eine Lohnerhöhung: Seit Juli liegt das Einstiegsgehalt einen Dollar über dem Mindestlohn des jeweiligen US-Bundesstaats. Bis Ende 2016 soll der durchschnittliche Stundenlohn von neun auf zehn Dollar steigen.
    foto: ruttle/ap

    Auch McDonald's geriet unter Druck und beschloss eine Lohnerhöhung: Seit Juli liegt das Einstiegsgehalt einen Dollar über dem Mindestlohn des jeweiligen US-Bundesstaats. Bis Ende 2016 soll der durchschnittliche Stundenlohn von neun auf zehn Dollar steigen.

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