Bernie Sanders: Clintons linkes Schreckgespenst

10. August 2015, 12:01
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Bernie Sanders füllt Sporthallen und bringt die Favoritin der Demokraten unter Druck. In Portland brach er alle Rekorde im bisherigen Wahlkampf

Die Türen schließen sich, und tausende Menschen seufzen. "Hier kommt niemand mehr rein", sagt eine Wahlkampfhelferin vor dem Moda Center in der nordwestamerikanischen Stadt Portland. Rund 19.000 haben es am Sonntagabend in die riesige Sporthalle geschafft, um ihr Idol, den Senator Bernie Sanders, zu hören.

Der kleine weißhaarige 73-Jährige im blauen, offenen Hemd lehrt derzeit seiner innerparteilichen Gegnerin Hillary Clinton im Vorwahlkampf zur Präsidentschaftswahl das Fürchten. Niemand in der Demokratischen Partei ist derzeit in der Lage, die Basis so zu begeistern wie der Senator aus Vermont. Seine Botschaft – höhere Steuern für Reiche, kostenloser Zugang zu staatlichen Hochschulen und eine Krankenversicherung nach skandinavischem Vorbild – kommt im linken Flügel der Demokraten gut an. Sanders präsentiert sich als linke Alternative zu den Clintons und ist stolz darauf, sich als "Sozialist" zu bezeichnen – ein Begriff, den Amerikas Konservative gerne als Schimpfwort benutzen.

"Diese Bewegung sendet eine Botschaft an die Milliardäre: Ja, wir haben den Schneid, um es mit euch aufzunehmen", ruft Sanders Senioren mit rot-blauen Bernie-Ansteckern und jungen, bärtigen Hipstern in der Halle zu.

Affäre um privates E-Mail-Konto

Den starken Zuspruch hat er auch der Schwäche seiner Gegnerin im Vorwahlkampf zu verdanken. Nach Monaten an negativer Berichterstattung über eine E-Mail-Affäre ist Clinton unter Druck. Die ehemalige First Lady hatte in ihrer Amtszeit als US-Außenministerin eine private E-Mail-Adresse für dienstliche Korrespondenz benutzt, was Ermittlungen durch die US-Justiz und eine Untersuchung seitens des US-Parlaments zur Folge hatte.

Noch ein weiterer Grund zwingt Sanders' Wahlkampfmanager dazu, immer größere Räumlichkeiten für seine Auftritte zu buchen: Die US-Wähler haben genug von dynastischen Präsidentschaftskandidaten aus den Häusern Clinton und Bush – beide Familien stellen derzeit Anwärter im Rennen um die Nominierung ihrer Partei.

Amerika "gehört uns allen, nicht nur einer Hand voll Milliardären", kritisiert Sanders seine Konkurrentin indirekt. Clinton hat bereits rund 68 Millionen Dollar gesammelt – hauptsächlich von Großspendern. Noch liegt Clinton in allen parteiinternen Umfragen vorne. Doch der Vorsprung schmilzt rasant.

Politisches Engagement

Die Rallye in Portland – bisher die größte Veranstaltung des Senators – soll nur ein Zwischenstopp auf Sanders' Weg ins Weiße Haus sein. Der Senator stammt aus einer polnisch-jüdischen Einwandererfamilie in Brooklyn, New York. In den 1960ern zog er zum Studium nach Chicago. Dort war er schon früh politisch aktiv und engagierte sich während seiner Studienzeit in der Bürgerrechtsbewegung. Nach einem Kurzaufenthalt in Israel zog Sanders nach Vermont, wo er nach zahlreichen Jobs in den 1980ern zunächst Bürgermeister, dann Kongressabgeordneter und 2007 schließlich parteiloser Senator wurde. Vor drei Monaten ist er in den Wahlkampf eingestiegen. Zu dem Zeitpunkt hat niemand geglaubt, dass er bald darauf Sporthallen füllen würde.

Trotz der begeisterten Atmosphäre in Portland werden ihm nur Außenseiterchancen eingeräumt. Der Auftritt in der Stadt ist ein politisches Heimspiel für Sanders. Portland mit seinem belebten und grünen Zentrum, einem gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetz und seit neuestem auch legalen Marihuana-Shops, gilt als liberales Utopia.

Sanders hat mit nur 15 Millionen nicht annähernd so viele Spenden gesammelt wie Clinton. Auch vor dem Moda Center zeigt sich, dass Sanders fast nur weiße Wähler mobilisieren kann. Die Unterstützung der afroamerikanischen Bevölkerung, die dem amtierenden US-Präsidenten Barack Obama zum Wahlsieg verholfen hatte, fehlt ihm. Da hilft es auch nicht, dass Sanders seinen Anhängern "change", Obamas gewinnbringende Formel, verspricht. (Stefan Binder, Lisa Kogelnik, 10.8.2015)

  • Bernie Sanders während seiner Rede bei der Wahlkampf-Rallye in Portland am Sonntag.
    foto: imago / zuma press

    Bernie Sanders während seiner Rede bei der Wahlkampf-Rallye in Portland am Sonntag.

  • Sanders verabschiedet sich von seinen Anhängern.
    foto: ap photo/troy wayrynen

    Sanders verabschiedet sich von seinen Anhängern.

  • Zahlreiche Menschen mussten vor dem Moda Center in Portland vergeblich auf Einlass warten.
    foto: kogelnik

    Zahlreiche Menschen mussten vor dem Moda Center in Portland vergeblich auf Einlass warten.

  • Fan-Artikel für Bernie-Anhänger in Portland.
    foto: kogelnik

    Fan-Artikel für Bernie-Anhänger in Portland.

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