Häfenelegien: "Granaten-Mörder will in Haft Jus studieren"

8. August 2015, 12:13
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Hat er bei seinem Prozess kein Wort gesagt, so spricht er nun umso flüssiger und reumütiger

Gäbe es "Heute" nicht, man würde nie erfahren, was sich in Österreichs Gefängnissen so tut, von allen anderen Bereichen des täglichen Lebens ganz abgesehen. Bildung gehört dabei – wenig überraschend – zu den wichtigsten Anliegen des Blattes. Daher konnte die Geschichte Granaten-Mörder will in der Haft Jus studieren für keinen "Heute"-Leser überraschend gekommen sein. Es war so: Bei seinem Prozess sagte Kristijan H. (36) kein Wort. Nach seiner Verurteilung zu 20 Jahren Haft spricht er jetzt in "Heute" erstmals über seine Tat – und über seine Zukunft im Gefängnis.

Wie es kam, dass er bei seinem Prozess kein Wort sagte, aber danach vor dem Tribunal eines "Heute"-Mitarbeiters ins Plaudern kam, ja wie dieser Mitarbeiter ausgerechnet mit diesem Delinquenten sich zu einer Plauderei traf und warum, blieb ein Redaktionsgeheimnis, was aber durch die Schilderung des dramatischen Aufeinandertreffens von "Heute" und Granaten-Mörder spielend aufgewogen wurde. Treffen mit Kristijan H. in der Justizanstalt Wien-Josefstadt. Er trägt Trainingsanzug und Schlapfen – was der journalistische Besucher trug, blieb leider geheim -; nimmt im Besuchsraum Platz und greift mit der rechten Hand nach dem Hörer, über den Häftlinge 30 Minuten pro Woche sprechen dürfen. Dabei handelt es sich aber nicht um irgendeine Hand. Es ist jene Hand, durch die im Jänner 2014 zwei Menschen in einem BMW X5 starben.

Hat er bei seinem Prozess kein Wort gesagt, so spricht er nun umso flüssiger und reumütiger, als gälte es, die Gnade der "Heute"-Redaktion zu erlangen. Der Kern der Aussage: Heute weiß Kristijan H., dass die Bluttat der falsche Weg war: "Ich bereue das. Jeden Tag. Was ich getan habe, ist nicht zu verzeihen." Ob ihm die Herausgeberin dafür mildernde Umstände angerechnet hat, ging aus dem Bericht nicht hervor. Erfreulich hingegen: Trotz seiner Schuld lässt sich der Salzburger aber nicht hängen, was nicht nur daran liegt, dass in Österreich die Todesstrafe abgeschafft ist, sondern auch an jenem eisernen Bildungswillen, der "Heute" so beeindruckt. Ob sein Verteidiger daran auch einen Anteil hat? Von dem ist jedenfalls ein Foto eingeblendet, obwohl er in dem ganzen Text kein einziges Mal vorkommt. Vielleicht geht die Anregung, in der Haft Jus zu studieren, auf ihn zurück.

Aber nicht immer ist Bildungstrieb der Anlass zur "Heute"- Berichterstattung aus heimischen Gefängnissen. Schließlich gibt es auch noch andere Triebe. "Stein"-Häftling darf in der Zelle Frauen-Dessous tragen, was in einem anderen "Heute"-Mitarbeiter gleich die Frage auf-wirft: Amtsmissbrauch? Anstaltsleiter erlaubt Reizwäsche um 173 Euro.

Was wittert bei einer solchen Nachricht ein "Heute"-Mitarbeiter? Knisternde Erotik hinter Gittern dank einer grotesken Ausnahmegenehmigung im Gefängnis Stein (NÖ): Ein geistig abnormer Täter im Maßnahmenvollzug durfte sich Reizwäsche bestellen. Man muss dem Blatt dankbar sein, dass es seinen Lesern ein so kenntnisreiches Bild von der knisternden Erotik im Maßnahmenvollzug vermittelt und dabei mit exakter Aufzählung nicht geizt. Korsage mit String-Tanga, Minirock, Oberteil (Rücken offen), Girl-Longshirt und zwei Strumpfhosen. Preis: 172,92 Euro (Belege liegen "Heute" vor).

Seriöser kann Journalismus nicht sein! Da werden nicht nur akribisch sämtliche Bestandteile einer Garnitur Reizwäsche aufgezählt, die hinter Gittern Erotik zum Knistern bringen, man lässt sich auch die Belege vorlegen, um Leserinnen und Lesern auf den Cent genau zu informieren, was sie selber auslegen müssten, sollte sie ein Bedürfnis nach knisternder Erotik im trauten Heim überwältigen. Fehlt nur noch die Nachfrage beim Verein für Konsumenteninformation, ob die Summe auch angemessen ist. Aber dafür hätte man die Preise wohl nach knisternden Einzelposten aufschlüsseln müssen.

Obwohl es in "Heute" heißt, die heißen Teile "dürfen nur im Haftraum getragen werden", könnten die bizarren Sexwünsche eines Häftlings jetzt Stein-Chef Bruno Sladek in Bedrängnis bringen. Der Brigadier erlaubte dem geistig abnormen Rechtsbrecher den Kauf von Dessous. Der Stein-Chef ist offenbar ein vernünftiger Mann, dem seine Erfahrung sagt, dass der Zusammenhang zwischen geistig abnorm und knisternder Erotik nicht so zwingend ist, wie "Heute" seinem Publikum suggerieren will, sondern auch außerhalb des Maßnahmenvollzugs gelegentlich vorkommt. Von zweckentfremdeter Geldverwendung kann keine Rede sein. (Günter Traxler, 8.8.2015)

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