Lebensmittelvernichtung in Russland: Bitterer Nachgeschmack

Kommentar7. August 2015, 17:25
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Solch ein medial übertragenes Spektakel ist nicht nur unappetitlich, sondern anstößig

Es regt sich Widerstand im Land der breiten Zustimmung: Die Bevölkerung ist unzufrieden mit der Politik des Kremls, genauer gesagt mit dem Beschluss, westliche Lebensmittel, die trotz Importverbots ins Land gebracht wurden, einfach zu vernichten. Da nützt es nichts, dass Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschow die Maßnahme als "international üblich" verteidigt und Kreml-Sprecher Dmitri Peskow vor den Gesundheitsrisiken europäischer Lebensmittel warnt. Für die Russen bleibt die Einäscherung von Fleisch und Wurst oder das Plattwalzen von Käse, Obst und Gemüse schlicht Verschwendung.

Der Unmut der Russen ist berechtigt. In einem Land, das in einer wirtschaftlichen Krise steckt, in dem angesichts der deutlich gestiegenen Lebensmittelpreise viele Menschen beim Einkaufen zweimal schauen, ob sie sich das eine oder andere leisten können, ist ein solch medial übertragenes Spektakel nicht nur unappetitlich, sondern anstößig.

Zudem sind die Russen bei solchen Show-Aktionen schon aus geschichtlichen Gründen besonders sensibel. Die Hungerjahre im Krieg, speziell im blockierten Leningrad, sind nicht vergessen, das ständige Warendefizit zu Sowjetzeiten ebenso. Es wäre leicht gewesen, mit der Beschlagnahme und Verteilung importierter Lebensmittel an Bedürftige Pluspunkte zu sammeln. Die Vernichtung ist ein Exzess, der einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. (André Ballin, 7.8.2015)

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