Russland: Widerstand gegen Vernichtung von Essen wächst

7. August 2015, 15:48
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Ein Kremlsprecher rechtfertigt die Maßnahme mit der Sorge um die Volksgesundheit

Über 300.000 Menschen haben in Russland einen Aufruf an Präsident Wladimir Putin unterschrieben, die Vernichtung westlicher Lebensmittel einzustellen. Die Petition war bereits vor einer Woche gestartet worden, Zulauf fand sie allerdings vor allem in den letzten Tagen, als Bilder von Bulldozern, die Äpfel und Tomaten plattwalzen, und Berichte über mobile Krematorien zur Verbrennung von Fleischwaren die Runde machten.

Derweil gehen weiter aus dem ganzen Land Erfolgsmeldungen der Landwirtschaftsaufsichtsbehörde RosSelChosNadsor über die Liquidierung von illegalen Lebensmitteln ein. Allein am Donnerstag rapportierte die Behörde die Vernichtung von 319,3 Tonnen an Nahrungsmitteln. Am Freitag setzten sich die "Strafmaßnahmen" gegen die sanktionierten Produkte fort.

Reaktion auf Sanktionen

Die Aktion war von der russischen Regierung beschlossen worden, nachdem westliche Lebensmittel selbst ein Jahr nach dem vom Kreml als Antwort auf die Westsanktionen verhängten Einfuhrverbot immer noch in russischen Ladentheken – wenn auch oft als weißrussische Waren ausgewiesen – zu finden waren.

Razzien der kremltreuen Jugendbewegung Chrjuschtschi protiw (übersetzt so viel wie "Die Schweinchen sind dagegen") in den Supermärkten sollten PR-mäßig den Boden für die Vernichtungsaktion bereiten. Die Aktivistinnen klebten Verbotssticker auf die Waren und erregten sich vor laufender Kamera über die Umgehung des Importstopps durch die Unternehmer.

Sorge um Gesundheit

Doch die Organisatoren hatten die Stimmung im Land wohl falsch eingeschätzt, die Russen verweigerten ihre bedingungslose Unterstützung für die Lebensmittelverbrennung. Widerstand kam dabei nicht nur von den "üblichen Verdächtigen", also der liberalen Opposition, sondern auch von ansonsten treuen Unterstützern des Kremlkurses, wie Kommunistenführer Gennadi Sjuganow, der vorschlug, konfiszierte Lebensmittel doch besser an Kirchen, Bedürftige oder die Bevölkerung in den Rebellengebieten im Donbass zu verteilen.

Kremlsprecher Dmitri Peskow sah sich zu einer öffentlichen Rechtfertigung genötigt: "Zweifellos sieht das äußerlich nicht besonders angenehm aus, aber bei näherer Betrachtung geht es um reine Schmuggelware ohne Zertifikate. Niemand garantiert, dass die Produkte, die sogar appetitlich aussehen können, nicht gesundheitsgefährdend sind", sagte er. Für den Kreml sei die Sorge um die Gesundheit der Bürger bei der Vernichtung der Schmuggelware mindestens ebenso wichtig wie die Durchsetzung der wirtschaftlichen Interessen Russlands, versicherte er.

Hatten Offizielle zunächst die Echtheit der Unterschriften unter den Protestbrief bezweifelt, ließ sich Peskow ein Hintertürchen offen: Die Petition werde geprüft, und "natürlich findet das Beachtung" beim weiteren Vorgehen der russischen Führung in der Frage, sagte Peskow. Präsident Wladimir Putin konnte im Zuge des Ukrainekonflikts seine Popularitätswerte in Russland auf ein beispiellos hohes Niveau hieven. Der Kreml will diese Beliebtheit wohl kaum wegen des Lebensmittelstreits aufs Spiel setzen. (André Ballin aus Moskau, 7.8.2015)

  • Joghurt aus Deutschland, Käse aus Frankreich: Putin hat angeordnet, dass Tonnen vom Zoll entdeckter Lebensmittel aus dem Westen verbrannt werden, und damit eine Welle an Empörung losgetreten.
    foto: imago

    Joghurt aus Deutschland, Käse aus Frankreich: Putin hat angeordnet, dass Tonnen vom Zoll entdeckter Lebensmittel aus dem Westen verbrannt werden, und damit eine Welle an Empörung losgetreten.

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