Das Rezept für die SPÖ: Zuhören, zuhören, zuhören

8. August 2015, 17:00
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Eine Frau aus Sierra Leone macht auf die Ochsentour Karriere in der SPÖ: Sie setzt auf Hausbesuche ("Sie kochen Kaffee, ich bringe den Kuchen"), sammelt Unterschriften in Pendlerzügen und versucht die Arbeiter wieder an die Sozialdemokratie zu binden

Linz – Wenn man ihr beim Sprechen zuhört, dann hört man eine deutliche Mühlviertler Sprachfärbung – und darauf ist Beverley Allen-Stingeder ein wenig stolz. Als sie nämlich 1978 nach Österreich gekommen ist, da hat sie noch kein Wort der deutschen Sprache gekonnt. Acht Wochen lang lernte sie acht Stunden pro Tag mit ihrem Stiefvater – dann konnte sie in der Schule dem Unterricht folgen, die Pflichtschule abschließen, eine Lehrstelle suchen. "Zu dunkel" sei ihre Hautfarbe für viele Arbeitgeber gewesen, erinnert sie sich – aber in einem Tourismusjob hat es dann gepasst.

Begegnung mit Dallinger

Als sie auf Saison im Hotel Palast in Hofgastein arbeitete, begegnete sie Alfred Dallinger. Der war damals Sozialminister – und redete der jungen Frau zu, mehr aus sich zu machen. Also holte sie die Matura nach, studierte Marketing und Soziologie, managte die Marketingabteilung einer Bank und wurde Berufsschullehrerin.

Die Politik lief für sie lange Zeit nur nebenbei mit – obwohl sie für sie von Kindesbeinen an präsent war: In Sierra Leone erlebte sie, wie das Haus der Familie angegriffen wurde, weil Großmutter Abigail Allen versuchen wollte, bei der Bürgermeisterwahl anzutreten: "Für soziale Werte einzutreten, das war dort nicht erwünscht." In Österreich schon, da war Bruno Kreisky in den 70er-Jahren ständiges Tischgespräch. Schließlich war ihr Stiefgroßvater 1945 Gründungsmitglied der örtlichen SPÖ.

Als Studentin zur Partei

Aber Beverley fand erst als Studentin zur Partei. Es begann mit dem Verteilen von Flyern – und bald darauf mit der herben Enttäuschung der Wahlniederlage von 1997: "Ich habe mir gedacht: Wie gibt es das, dass sich so viele Leute so engagieren – und das wird nicht goutiert?" Sie trat in die Junge Generation ein, wurde Gemeinderätin in Gramastetten. Nach Übersiedelung nach Puchenau ging sie in die dortige Gemeindepolitik. Inzwischen ist sie Bürgermeisterkandidatin und Landtagskandidatin im Mühlviertel.

Stöger als Förderer

Verkehrsminister Alois Stöger (den sie neben ihrer Großmutter und Barbara Prammer als Vorbild nennt) fördert die Mutter zweier Töchter, die die Chance hat, im Herbst als erste afrikanischstämmige Politikerin in einen Landtag einzuziehen.

Zunächst aber macht sie, was ihrer Meinung nach in der SPÖ zu wenig gemacht wird: Zu den Leuten gehen und "zuhören, zuhören, zuhören". Da komme man drauf, was in der Kommunikation versäumt worden ist – "ich habe einer Frau ausgerechnet, dass ihr die Steuerreform 600 Euro bringt. Und sie hat gefragt: Warum hat mir das noch keiner gesagt?"

Hat die SPÖ vielleicht die falschen Themen? Allen-Stingeder schüttelt heftig den Kopf: "Wir nehmen uns schon der richtigen Themen an – aber das sind nicht die Themen, die momentan modern sind." Also müsse man sie modern machen: "Wir müssen darauf schauen, dass das Füreinander-Einstehen wieder zum Thema wird."

Sie will die Arbeiter erwischen

Und man müsse jene Themen aufgreifen, die die Menschen betreffen, auch wenn diese das noch nicht als Politikum begreifen. Der Austausch von Mistkübeln werde vielleicht unmittelbarer erlebt als die Steuerreform, die Erhaltung von Niederflurzügen auf der Mühlkreisbahn (für die sie über 3000 Unterschriften gesammelt hat) ebenfalls: "Ich versuche, die Arbeiter zu erwischen, die spiegeln sich derzeit zu wenig in der Partei wider." (Conrad Seidl, 8.8.2015)

  • Macht Hausbesuche, hört zu: Beverley Allen-Stingeder (47).
    foto: seidl

    Macht Hausbesuche, hört zu: Beverley Allen-Stingeder (47).

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