Jens Steiner: Erschöpftes Abendland

12. August 2015, 14:59
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Archiv der Zusammenbrüche, Teil 1

Lemminge, überall. Auf Trottoirs, Autobahnen, Seepromenaden. In Bahnhöfen, Kaffeehäusern, Fußgängerzonen. Fuhren die Morgenzüge in den ersten Bahnhof ein, besetzten die Tiere bereits alle Sitzplätze, Zubringerstraßen und Radwege waren zu jeder Stunde heillos verstopft. Sämtliche Wege, die bis anhin von Menschen begangen worden waren, wurden nun von abertausenden Lemmingen benutzt. An schnelles Vorwärtskommen war nicht mehr zu denken. Um morgens rechtzeitig zur Arbeit zu kommen, lernte man, auf Geländern, Mauern und Abschrankungen zu balancieren, längere Strecken wurden zu Fuß den Bahngleisen und Straßenrandböschungen entlang bewältigt. Ein komplett neues Körpergefühl hielt Einzug, Akrobatik war zur Überlebensfrage geworden. Bald vervielfachten sich die Umsätze im Segment der Kletterausrüstungen, weil die Leute ihre Wohnungen nur noch über die Fassade erklimmen konnten. Als die Arbeitnehmer schließlich begannen, ihre Mittagsjause auf den Bäumen zu verzehren, wusste man, dass ein neues Zeitalter angebrochen war. Es war das Zeitalter der begierig-freundlichen Blicke, das Zeitalter einer neu entdeckten Liebe des Menschen zu sich selbst. (Album, 8.8.2015)

Jens Steiner, 1975 in Zürich geboren, hat nach dem Studium der Germanistik und Philosophie einige Jahre als Lehrer und Lektor (u. a. beim Ammann-Verlag) gearbeitet. Er hat seit dem Jahr 2011 drei Romane vorgelegt. Mit seinem zweiten, "Carambole" (Dörlemann-Verlag), gewann er 2013 den Schweizer Buchpreis. Sein erster Roman "Hasenleben" fand sich – wie "Carambole" – auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Heuer erschien bei Dörlemann sein dritter Roman, "Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit". In den kommenden Wochen werden an dieser Stelle im Album in unregelmäßigen Abständen Prosaminiaturen zu lesen sein, in denen sich Steiner literarisch und zuweilen mit satirischem Schwung mit "Zusammenbrüchen, Zumutungen sowie privaten und globalen Schreckensszenarien in einem "erschöpften Abendland" befasst.

  • Artikelbild
    foto: epa/patrick straub
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