Don Winslows "Das Kartell": Chronik des Schreckens

11. August 2015, 10:41
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Hochaktueller Roman über den Drogenkrieg in Mexiko

Der War on Drugs ist gescheitert. Trotzdem wird er fortgeführt. Der Beginn von Don Winslows grausamer Chronik Das Kartell: eineinhalb Seiten dicht an dicht die Namen von Journalisten und Journalistinnen, die getötet wurden, damit sie nicht mehr über die Drogenmafia in Mexiko berichten können.

Wir haben es also mit einer Semidokumentation zu tun, die angesichts der spektakulären Flucht eines Drogenbosses aus dem Gefängnis hochaktuell ist. Don Winslow vermerkt wie in einem Kalender Monate und Jahre der Massaker.

Der Kampf der Kartelle untereinander und gegen die Ordnungsmächte, sofern die nicht ohnehin schon von den Bossen bezahlt werden, ist derart grausam, dass man bald abstumpft. Diesseits und jenseits der Grenze zwischen den USA und Mexiko herrscht Krieg mit Zehntausenden von Toten. Winslow macht seine Chronik an Art Keller fest, dem Drogenfahnder, der schon in Die Tage der Toten aufgetreten ist. Er hat sich in ein Kloster zurückgezogen, wird aber überredet, noch einmal aktiv zu werden, und gerät in einen unaufhaltsamen Strudel von Gewalt und Rache. Niemandem ist zu trauen, wer etwas aufdeckt, muss mit dem Tod rechnen.

Winslow erzählt diese Ungeheuerlichkeiten kühl wie in einer x-beliebigen Geschichtsstunde, er erzählt, wie die Drogenbosse traditionellerweise Schönheitsköniginnen heiraten, die nächste Generation der Verbrecher, verweichlicht und verwöhnt, von härteren Gangstern abgelöst und wie die Territorien untereinander aufgeteilt werden, um den Pisco, eine Art Wegzoll für den sicheren Transport der Drogen, zu gewährleisten, und wie die USA in den Krieg verstrickt sind.

In dieser Welt hat man Glück, wenn man nur erschossen wird, statt vorher noch gefoltert zu werden. Der War on Drugs wir am falschen Ende geführt. Die User müssten zuallererst behandelt werden, wo kein Markt, da auch kein Schmuggel. Wenn es keine Milliarden zu verdienen gibt, können auch hochrangige Politiker und Polizisten nicht mehr geschmiert werden.

Das alles ist klar, aber wie man das erreichen könnte, weiß wohl niemand. Winslows neues Epos zu lesen verlangt einiges ab. Man versteht nachher mehr von dieser finsteren Welt und ist voll Respekt für den Autor, Depressionen mit eingeschlossen. (Ingeborg Sperl, Album, 8.8.2015)

Don Winslow, "Das Kartell". Deutsch von Chris Hirte. € 17,50 / 830 Seiten. Droemer, München 2015

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