Arzneien: Pflanzlich heißt nicht harmlos

7. August 2015, 11:09
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Pflanzliche Arzneien haben ebenso Nebenwirkungen wie herkömmliche Medikamente – nur sind sie schlechter erforscht

Zu hoher Cholesterinspiegel – das klingt nicht gut, denkt sich manch einer nach dem ernüchternden Besuch bei der Hausärztin. Aber ist es wirklich nötig, sich deswegen täglich Chemiekeulen in Tablettenform einzuwerfen? Da muss es doch sicher auch was Schonenderes geben, etwas Pflanzliches ohne Nebenwirkungen vielleicht?

Das dachte sich auch eine besorgte ältere Dame aus Oberösterreich, die sich ratsuchend an medizin-transparent.at wandte. Ein Zeitungsartikel in der Regionalzeitung schien ihr recht zu geben. Darin pries ein Universitätsprofessor für Innere Medizin lautstark Rotes Reismehl als natürlichen und wirkungsvollen Cholesterinsenker an. Herkömmliche Cholesterinsenker, sogenannte Statine, können in seltenen Fällen schwere Nebenwirkungen haben und die Muskeln schädigen. Rotes Reismehl dagegen sei eine natürliche Alternative.

Per E-Mail bestätigte der Professor der Dame die Sicherheit, das pflanzliche Mittel habe "bezüglich Muskulatur keine Nebenwirkungen über dem Niveau eines Placebos". Auch er wäre im Selbstversuch begeistert gewesen und könne ihr das Mittel nur empfehlen.

Fragwürdiger Therapieerfolg

Der Erfolg konnte sich sehen lassen, innerhalb von zwei Monaten verbesserten sich die Cholesterinwerte nach eigenen Angaben rapide. Rotes Reismehl enthält nämlich von Natur aus Lovastatin, ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, das tatsächlich einen zu hohen Cholesterinspiegel senken kann. Es gibt allerdings einen Grund, warum Lovastatin verschreibungspflichtig ist: Es kann wie andere Statine unter Umständen die Muskeln schädigen.

Im Gegensatz zu rezeptpflichtigen Lovastatin-Tabletten kann die Wirkstoffkonzentration in Rotem Reismehl wie in jedem Naturprodukt schwanken. Außerdem ist unklar, welche anderen Inhaltsstoffe sich noch darin befinden. In manchen Produkten aus Rotem Reismehl wurden bereits gefährliche Mengen des Pilzgifts Citrinin gefunden. In der Schweiz ist Rotes Reismehl als Nahrungsergänzungsmittel verboten.

Risiko durch fehlende Zulassungspflicht

Wollen Pharmafirmen ein neues Arzneimittel auf den Markt bringen, müssen sie zwei Dinge nachweisen können: Das Medikament muss wirken, und es muss sicher sein. Pflanzliche Mittel gelten jedoch als Nahrungsergänzungsmittel. Für diese ist ein solcher Nachweis nicht nötig.

Im Gegensatz zu Arzneimitteln dürfen Nahrungsergänzungsmittel auch beworben werden. Das macht die Vermarktung für Hersteller deutlich einfacher. Häufig ist aber komplett unklar, wie sicher manche Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich sind. Das kritisiert auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung.

Potenziell gefährlich

Aus diesem Grund hat beispielsweise die Verbraucherorganisation Foodwatch den Lebensmittelgroßkonzern Unilever geklagt. Die Firma bewirbt ihre Spezialmargarine Becel pro.activ damit, dass darin enthaltene Pflanzensterine den Cholesterinspiegel senken. Es gibt jedoch ernsthafte Hinweise darauf, dass die Sterine genau das verursachen, was sie zu verhindern vorgeben: Ablagerungen in Gefäßen und damit ein erhöhtes Risiko für Herzkrankheiten.

Die Liste potenziell gefährlicher Nahrungsergänzungsmittel lässt sich beliebig fortsetzen. Bitterorangen-Extrakt etwa wird als pflanzlicher Appetitzügler beworben. Darin enthaltene Substanzen können jedoch das Risiko erhöhen, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Dass sie hingegen helfen, Gewicht zu verlieren, ist nicht nachgewiesen.

Johanniskraut bei Depressionen

Johanniskraut ist ein beliebtes pflanzliches Mittel bei leichten Depressionen. Tatsächlich scheinen Extrakte daraus ähnlich gut zu helfen wie pharmazeutisch hergestellte Antidepressiva. Harmlos ist das Naturheilmittel jedoch keineswegs: Im Gegensatz zu zugelassenen Antidepressiva sind die Nebenwirkungen jedoch nur schlecht untersucht.

Personen, die regelmäßig Johanniskraut einnehmen, können in Verbindung mit Sonnenlicht Haut- und Augenschäden erleiden. Zudem ist es möglich, dass Johanniskraut die Wirkung vieler Medikamente verändert, zum Beispiel die der Anti-Baby-Pille oder von Blutverdünnern.

Pflanzliche Mittel können durchaus eine medizinisch nachweisbare Wirkung haben. Pflanzlich heißt aber nicht zwangsläufig sanft und harmlos. Weil Inhaltsstoffe in solchen Präparaten stark schwanken können und die richtige Dosis und Sicherheit meist kaum erforscht ist, ist Vorsicht angebracht. Manche Mittel können auch die Wirkung anderer Medikamente unbeabsichtigt verstärken oder abschwächen. Wer pflanzliche Mittel nehmen will, sollte mit seinem Arzt oder seiner Ärztin darüber reden. (Gerald Gartlehner, 7.8.2015)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vizedirektor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

  • Die Wirkung der Johanniskraut-Präparate soll auf die Substanzen Hyperforin und Hypericin zurückzuführen sein, die beim Zerreiben austreten.
    foto: wikipedia/holger casselmann/(CC-Lizenz)

    Die Wirkung der Johanniskraut-Präparate soll auf die Substanzen Hyperforin und Hypericin zurückzuführen sein, die beim Zerreiben austreten.

  • Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: georg h. jeitler/donau-uni krems

    Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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