Im Bann des Wespen-Voodoo

6. August 2015, 19:47
20 Postings

Eine Spinne als willenlose Sklavin einer Larve: Forscher verleihen einer weiteren Spezies das Prädikat Zombie

Kobe/Wien – Soll nur keiner glauben, popkulturelle Moden würden an der Wissenschaft spurlos vorübergehen. Gleich mehrere Spezies haben in den vergangenen Jahren mit dem inoffiziellen Namenszusatz "Zombie" Schlagzeilen gemacht. Allerdings frisst nur eine davon Leichenteile, wie man es von einem modernen George-Romero-Zombie erwarten würde: der Tiefseewurm Osedax, der sich auf die Knochen versunkener Walkadaver stürzt.

Fremdgesteuerte Sklaven

Die Bezeichnung der übrigen Kandidaten wurde anders als die des "Zombiewurms" von der älteren Wortbedeutung inspiriert, die heute fast schon vergessen ist und aus dem haitianischen Voodoo stammt. Im Vordergrund steht dabei nicht der Appetit des Untoten, sondern seine Willenlosigkeit: Sein Körper wird reaktiviert, um als Arbeitssklave zu fungieren.

Und auch zu dieser Mythologie gibt es in der Tierwelt Entsprechungen. 2011 stellten US-Forscher "Zombieameisen" vor, die vom parasitischen Pilz Ophiocordyceps unilateralis befallen werden. Der Pilz übernimmt die biochemische Kontrolle über die Insekten, lenkt sie zu Orten, die für die Verbreitung seiner Sporen günstig sind, lässt sie sich dort festbeißen und schließlich sterben.

Nicht weniger ausgefeilt ist der natürliche Voodoo einer Wespenart, von der japanische Forscher um Keizo Takasuka in der aktuellen Ausgabe des "Journal of Experimental Biology" berichten. In die Rolle des Meisters schlüpft hier die Larve der Wespe Reclinervellus nielseni, als Zombie fungiert die Radnetzspinne Cyclosa argenteoalba. Beide Spezies fand der Biologe der Universität Kobe im Süden der Insel Honshu.

Es gibt zahlreiche Arten parasitischer Wespen, die ihre Eier auf oder in den Körpern anderer Insekten oder auch Spinnen ablegen, die anschließend von den ausschlüpfenden Wespenlarven gefressen werden. Damit begnügt sich R. nielseni allerdings nicht, sie wird zur reinsten Marionettenspielerin.

Zunächst bringt sie die Spinne dazu, ihr Fangnetz aufzudröseln und an seiner Stelle ein schützendes Konstrukt zu weben – ähnlich dem, in das sich eine gesunde Spinne während der Häutung zurückziehen würde. Takasuka vermutet, dass die Wespenlarve die chemischen Signale der Hormone imitiert, die bei der Spinne Häutung und Wechsel zwischen den beiden Netzkonstruktionsweisen auslösen.

Allerdings ist ein herkömmliches Schutznetz der Parasitin nicht gut genug. Die "Zombiespinne" muss die Konstruktion mehrfach verstärken, damit die Wespenlarve während ihrer Verpuppung ungestört in ihrem Kokon ruhen kann. Hat die Spinne diese architektonische Sonderleistung vollbracht, saugt die Larve als letzten Akt ihr Opfer aus und begibt sich satt und sicher zur Ruhe. (Jürgen Doppler, 7.8.2015)

  • Die Spinne hat ihre Schuldigkeit getan, die Spinne kann gehen. Nachdem sie ihrem Parasiten ein sicheres Heim in Form eines Spezialnetzes gebaut hat, wird sie von ihm zum Dank aufgefressen.
    foto: keizo takasuka

    Die Spinne hat ihre Schuldigkeit getan, die Spinne kann gehen. Nachdem sie ihrem Parasiten ein sicheres Heim in Form eines Spezialnetzes gebaut hat, wird sie von ihm zum Dank aufgefressen.

Share if you care.