Wo Grau färbiger als bunt ist

6. August 2015, 17:19
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Philipp Gehmacher im 21er-Haus, João dos Santos Martins im Odeon

Wien – Fortschritte können auch etwas bringen. Etwa ein Grauraum. Philipp Gehmacher ist begeistert vom Grau. Das ist nicht populär, Grau gilt als Gegenteil von bunt, als Spaßbremse: wie graue Gesichter oder Tage. Gehmacher sieht das anders. Bei Impulstanz zeigt er gerade sein Solo my shapes, your words, their grey, das er vor zwei Jahren vorgestellt hat, als überarbeitete Neufassung im Museum des 21. Jahrhunderts.

Dessen Bau wäre ein White Cube, hätte er nicht diese irritierenden Glaswände, die die übliche Schwarz-Weiß-Kategorisierung in Unordnung bringt: Black Box für die darstellende und White Cube für die bildende Kunst. In der Glass Box und mit den Ballonobjekten von Tomás Saraceno – die aktuelle Ausstellung im 21er-Haus – im Hintergrund wird my shapes, your words, their grey zu einer neuen Performance. Das Publikum umringt den Tänzer, der mit Gesten, Worten und Rechtecken aus verschiedenen Materialien eine Welt vorführt, in der Grau das bessere Bunt ist. Publikum und Performer auf einer Ebene, die Bühnenhöhle als offener Platz, das "Mitspielen" der Arbeiten eines anderen Künstlers – das erzeugt eine Atmosphäre, in der Gehmacher zu einer beeindruckenden Klarheit findet.

Sein Grau wird durch Zumischungen lebendig. Durch gebrochene Farben, die in diese Zone des Nachdenkens miteinfließen. Mit seiner Grau-Utopie fügt der zwischen Choreografie und bildender Kunst arbeitende Gehmacher der Pracht des Bunten genau dort Schaden zu, wo sie zum Klischee, zum Werberegime gerinnt. Ein Impulstanz-Highlight.

Ein solches hätte auch continued project von João dos Santos Martins sein können, das im Rahmen der Emerging-Choreographers-Serie [8:tension] läuft. Doch der Parforce-Ritt durch die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts auf der Rosinante des choreografischen Konzeptualismus ist zu bunt geraten.

Mit Isadora Duncan, Yvonne Rainer und Tangoschritt, auch die im Tanz gerade übliche Tittydickyperformance darf nicht fehlen, deckt Martins ausgerechnet das Widerständige am Konzeptualismus der späten 1990er-Jahre zu. Ein Zuviel also, das sich als viel zu wenig herausstellt. (ploe, 6.8.2015)

Gehmacher: 8., 9. 8., Martins 7. 8.

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