Mystery-Shopping: "Diese Idee ist ein Quatsch"

Interview26. August 2015, 05:30
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Der Konflikt mit der Stadt Wien hat bei Ärztekammerpräsident Szekeres Spuren hinterlassen. Es bahnt sich bereits neuer Ärger an

STANDARD: Herr Präsident, finanziell ist man sich in Sachen Ärztearbeitszeitgesetz nach Monaten des Streits mit der Stadt Wien jetzt einig. Sind Sie auch inhaltlich mit dem Ergebniszufrieden?

Thomas Szekeres: Die überwiegende Anzahl der Kurienmitglieder hat sich mit dem Ergebnis zufrieden gezeigt, jetzt wird man sehen, wie man das umsetzt. Die Hauptschwierigkeit ist, dass man mit reduzierter Arbeitszeit die gleiche Arbeitsleistung erbringen soll. Dazu ist es notwendig, dass man die ärztliche Arbeitszeit mit Inhalten füllt, die rein ärztlich sind.

STANDARD: Das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Verstehen Sie, wenn viele Ärzte mit dem Verhandlungsergebnis unzufrieden sind?

Szekeres: Natürlich. Aber wir gehen davon aus, dass es auch im Interesse des Krankenanstaltenverbundes liegt, die versprochenen Begleitmaßnahmen umzusetzen. Oder man fährt den Betrieb herunter und es gibt weniger Leistungen in den Spitälern. Dann muss man das den Patienten aber auch ehrlich sagen. Das Ganze greift auch in die Gesundheitsreform. Wenn es gelingt, Leistungen aus den Spitälern auszulagern, wäre das auch entlastend.

STANDARD: Zurück zu den Verhandungen: Haben Sie sich taktisch immer richtig verhalten?

Szekeres: Mich hat sehr enttäuscht, dass die ursprüngliche Vereinbarung bereits wenige Tage danach von seiten der Stadt Wien gebrochen wurde. Teil der Vereinbarung war, dass man unter gewissen – definierten – Rahmenbedingungen Nachtdiensträder einsparen kann. Das hat die Stadt Wien in Personalreduktion umgerechnet, weil sie das zur Argumentation im Gemeinderat gebraucht hat. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Uns war das klar. Der Stadt Wien offensichtlich nicht. Dass die Ärzte ab 14 Uhr in der Hängematte liegen und nichts tun, ist eine Unterstellung, die zur Folge hatte, dass über 90 Prozent der Ärzte im KAV streiken wollten. Das müssen Sie einmal zusammenbringen, dass Sie in Ihrer Firma so eine Stimmung verursachen. Dieses Problem ist noch nicht gelöst. Es ist ein massives Misstrauen der Kollegenschaft da.

STANDARD: Es haben aber nicht alle mitgemacht.

Szekeres: Jeder Zweite wollte streiken. Meinen Sie, das ist kein Problem?

STANDARD: Wie ist Ihr Verhältnis zu Wehsely jetzt?

Szekeres: Mein Verhältnis zu Frau Wehsely ist irrelevant.

STANDARD: Sie werden doch immer wieder Themen haben, wo Sie mit ihr zusammenarbeiten müssen.

Szekeres: Es gibt Themen, die die Ärztekammer mit der Stadt Wien abarbeitet, aber das hat mit meinem persönlichen Verhältnis zu wem auch immer nichts zu tun. Ich bin enttäuscht über das Vorgehen. Aber Frau Wehsely ist eine Profipolitikerin und weiß, was sie tut.

STANDARD: Sehen Sie die Eskalationsbereitschaft ausschließlich aufseiten der Gesundheitsstadträtin? War Ihre Website "notstandspital.at" förderlich für den Verlauf der Verhandlungen?

Szekeres: Das hat die Stadt Wien sicher nicht sehr erfreut. Aber auf der Website sind nur Fakten gestanden. Ich halte es nicht für verwerflich, über Missstände zu berichten – etwa über Gangbetten. Die wurden ja immer abgestritten. Dabei gibt es in Wien kein Spital, in dem nicht einzelne Abteilungen dauerhaft Gangbetten haben.

STANDARD: Hauptthema auf der Website war aber schon das Ärztearbeitszeitgesetz.

Szekeres: Es war die Motivation, dass man auf Missstände hinweist. Die Stadt Wien befand öffentlich "ihr Ärzte schlaft's die ganze Zeit". Auf der anderen Seite berichteten Ärzte "wir haben doppelt so viele Patienten wie Betten, die liegen teilweise auf den Gängen, wir arbeiten rund um die Uhr, aber sprechen dürfen wir nicht über die Gangbetten, weil die gibt es offiziell nicht".

STANDARD: Die Website ist derzeit offline. Sind jetzt alle Missstände beseitigt?

Szekeres: Nein. "Schützen wir unsere Spitäler" ist weiter aktiv. Aber wir sind dazu übergegangen, Probleme gemeinsam zu lösen.

STANDARD: Primary Healthcare Center (PHC) sind ein Versuch, um die Spitäler zu entlasten. Ein guter?

Szekeres: Das Modell gehört unbedingt ausprobiert. Allerdings darf man den konventionellen Hausarzt nicht abschaffen. Vor allem wegen der wohnortnahen Betreuung der Patienten. Im Prinzip ist es eine erweiterte Gruppenpraxis. Das gibt es ja schon, in Wien haben wir rund 90 davon. Wir haben auch 80 Anträge liegen, die nicht umgesetzt werden können, weil die Krankenkasse zu wenig Verträge hergibt. Das Hauptproblem in WIen ist, dass die WGKK finanziell in einer ausweglosen Situation ist. Da die Zahl der Arbeitslosen und Pensionisten rapide steigt. Auf jeden Beitragszahler kommen sehr viele Mitversicherte. Deshalb wird sie binnen kürzester Zeit ins Minus rutschen. Daher hat sie die Möglichkeit nicht, die Verträge auszudehnen.

STANDARD: Das Konzept sieht vor, dass auch im niedergelassenen Bereich die Ärzte entlastet werden, weil manche Dinge gar nicht der Arzt machen muss.

Szekeres: Es finden sich bis dato für das PHC Donaustadt keine Bewerber. Denn eine berufliche Partnerschaft in Form einer Kassenordination ist fast komplexer als eine Ehe. Weil eine Scheidung einfacher ist, als wenn man so eine Gesellschaft wieder auflöst.

STANDARD: Es geht auch um Partnerschaften mit anderen Berufsgruppen. Die Pflegekräfte kritisieren, der Arzt wolle immer der Chef sein.

Szekeres: Wieso nicht? Wo würden Sie bei einer medizinischen Leistung oder einer Krankenbehandlung die wesentliche Aufgabe sehen?

STANDARD: Bei alten Patienten steht oft das pflegerische Element im Vordergrund, weniger das ärztliche.

Szekeres: Dann muss man solche Einrichtungen schaffen. Aber eine Ordination bietet Leistungen an, die primär im medizinischen Bereich liegen. Die Idee, dass eine Krankenschwester Ärzte anstellt, halte ich für unrealistisch.

STANDARD: Sie wurden zuletzt intern hart kritisiert, mussten die Verhandlungsführung abgeben. Ihre Kammer-Vize kam Ihnen abhanden. Ist die Wiener Ärztekammer ein Sauhaufen?

Szekeres: Die Formulierung befremdet. Aber wenn Sie schon in diese Richtung argumentieren, ist die Wiener Ärztekammer bestenfalls ein demokratischer Haufen, und es haben zwei Drittel der Delegierten befunden, dass die Position der dritten Vizepräsidentin obsolet ist. Ich habe das nicht unterstützt, aber eine qualifizierte Mehrheit ist eine Mehrheit.

STANDARD: Was ist mit der Kritik an Ihnen persönlich?

Szekeres: Ich habe kammerinterne Kritik so nicht wahrgenommen. Von seiten der Kollegen gab es im Jänner Attacken gegen mich, weil manche aufgrund der Aussagen der Stadträtin und des Bürgermeisters geglaubt haben, ich hätte sie verraten. Das habe ich klargestellt.

STANDARD: Damals haben Sie ihre Mitgliedschaft in der SPÖ ruhend gestellt. Ist das aufrecht?

Szekeres: Das habe ich erst gemacht, nachdem ein Parteisekretär öffentlich meinen Rücktritt gefordert hat. Ich finde, dass das nicht in sienen Kompetenzbereich fällt.

STANDARD: Werden Sie künftig mit eigener Liste kandidieren?

Szekeres: Das weiß ich noch nicht, die nächsten Ärztekammerwahlen sind in zwei Jahren. Ich habe ja an sich einen Beruf, ich bin Labormediziner und in der Krebsforschung tätig, ich bin international erfolgreich. Ich bin nicht auf Kammerfunktionen angewiesen.

STANDARD: Warum machen Sie es?

Szekeres: Weil ich denke, ich kann das besser als die anderen.

STANDARD: Haben Sie an Rücktritt gedacht?

Szekeres: Warum sollte ich?

STANDARD: Braut sich beim Mystery-Shopping schon der nächste Konflikt mit der Politik zusammen?

Szekeres: Diese Idee ist ein Quatsch. Da geht es um angeblich erschwindelte Krankenstände. Dabei gehen diese sogar zurück – wie immer, wenn die Leute aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation Angst um ihren Job haben. Einen Generalverdacht gegen Bevölkerung und Ärzte aufzubauen, das kann ich nicht nachvollziehen.

STANDARD: Sie halten das für modernes Denunziantentum?

Szekeres: Was ist es denn sonst? Da wird das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten erschüttert. Wenn ich annehmen muss, dass ein Patient ein Spitzel ist, ihm nicht glauben darf, dass er Kopfweh oder Depressionen oder Burnout hat, wo kommen wir da hin? Das ist eine teure Schikane, ich glaube, das wird mehr kosten, als es bringt.

STANDARD: Bei vielen großen Themen ist die Ärztekammer dagegen. Sind Sie ein Nein-Sager-Verein?

Szekeres: Überhaupt nicht. Bei Elga haben wir nur vor möglichen Schwierigkeiten gewarnt. Wir haben mit Allem recht gehabt.

STANDARD: Sind Sie enttäuscht von der SPÖ?

Szekeres: Ach, die SPÖ kann nichts dafür. Es sind immer die einzelnen Menschen. Wenn Sie mich fragen, ob ich von der Frau Wehsely und vom Landesparteisekretär Niedermühlbichler enttäuscht bin, dann sage ich ja. Ich verstehe die Vorbehalte der Politik gegenüber Ärzten nicht. (Karin Riss, Petra Stuiber, Cure, 26.8.2015)

Thomas Szekeres (53) ist seit 2012 Präsident der Wiener Ärztekammer. Der Humangenetiker und Facharzt für medizinische und chemische Labordiagnostik trat mit der Liste "Sozialdemokratische Ärzte" an, mittlerweile ist er aus der SPÖ ausgetreten.

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  • "Mein Verhältnis zur Frau Wehsely ist irrelevant" und ganz offensichtlich nicht das beste, wie sich im Gespräch mit Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres zeigt.
    foto: apa/georg hochmuth

    "Mein Verhältnis zur Frau Wehsely ist irrelevant" und ganz offensichtlich nicht das beste, wie sich im Gespräch mit Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres zeigt.

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