Ein Haus des Selbstverständnisses

Kommentar5. August 2015, 18:30
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Zu lange hat man versucht, Geschichte zu bewältigen, statt sie zu begreifen

Auf die Geschichte ist man in Wien stolz: Man zeigt gern her, was aus früheren Jahrhunderten ererbt wurde. Die Ringstraße etwa, die heuer 150 Jahre alt wird, feiert man mit Vergnügen – und ohne Bezug zur Gegenwart. Unsere Zeit hat zu diesem Prachtboulevard tatsächlich nicht viel mehr als das Kaufhaus Ringstraßengalerien beizutragen gehabt.

Was nicht zum Feiern taugt, das zeigt man auch nicht so gern her. Fremde, die nach Wien kommen, könnten sich in der alten Kaiserstadt wähnen. Sisi-Kult hier, Burgtheater dort – und Zuckerguss vom Demel. Da liegt Absicht dahinter, das lässt sich schließlich vermarkten.

Wenn es aber um die weniger erfreulichen Aspekte der Geschichte geht, wird es deutlich schwieriger: Wo ist die Arbeiterkultur dokumentiert, wo die beiden Bürgerkriege des 1934er-Jahres, wo die Begeisterung über den Anschluss und die Ernüchterung danach? Und wo schließlich der Erfolg der demokratisch verfassten Republik, die Wirtschaftsaufschwung, Sozialstaat sowie unsere heutige Gesellschaft mit ihren vielen Licht- und unbestreitbaren Schattenseiten geschaffen hat? Es liegt nahe, dass man das alles in einem Haus der Geschichte zusammenfassen könnte – mit Rückblick auf die Wurzeln unserer gesellschaftlichen Entwicklung und Optionen für künftige politische Entwicklungen.

Es hat lange gedauert, bis man sich überhaupt zu einem solchen Museum bekennen konnte. Denn viele Aspekte der österreichischen Zeitgeschichte sind in diesem Land ja immer noch umstritten – wenn etwa seitens der ÖVP gedrängt wird, die im künftigen "Haus der Geschichte" dargestellte Epoche um ein gutes Jahrhundert früher beginnen zu lassen als bisher angedacht, so könnte man vermuten, dass dahinter auch der Wunsch steckt, die (für Christlichsoziale peinlichen) Jahre der Dollfuß- und Schuschnigg-Diktatur verhältnismäßig kleiner erscheinen zu lassen.

In Österreich will man ja Vergangenheit lieber bewältigen als begreifen. Deswegen wird eifrig darum gerungen, nur die jeweils als korrekt geltenden Geschichtsinterpretationen zuzulassen. Jahrzehntelang gefiel sich das Land in der Sichtweise als ausschließliches Opfer der Hitler-Diktatur – wer anderes behauptete, galt als Nestbeschmutzer. Dann kam es zu einer radikalen Wende im offiziellen Selbstbild – jetzt gilt es als unerwünscht, des Naziopfers Dollfuß und des Kampfs des Schuschnigg-Regimes gegen die Nazikollaborateure in Österreich zu gedenken.

Man darf gespannt sein, wie man das in einem "Haus der Geschichte" darstellen wird – und was man daraus für die Zukunft ableiten will: Kann man davor warnen, dass etwa ausländische Politiker, Sektenführer oder sonstige Unruhestifter in Österreich Einfluss gewinnen könnten und beachtliche Teile der Bevölkerung verführen – allenfalls wie in den 1930er-Jahren mit Gewalt?

Man darf ebenso gespannt sein, ob ein "Haus der Geschichte" unterschiedliche Interpretationen zulässt – und wie es die Diskussion darüber fördert. Es ist bezeichnend, dass schon gefordert wird, lieber ein "Haus der Kulturen" oder eines "der Zukunft" (die beide ähnliche Inhalte, wenn auch vielleicht andere Schwerpunkte hätten) zu bauen. Und ja: Es ist eine gute Idee, so ein Haus völlig neu zu bauen, mit all den Unwägbarkeiten, mit all den Provisorien, die da unvermeidlich sind. Die Ringstraße wäre der richtige Ort – damit auch unsere Zeit dort etwas hinterlässt, worauf man stolz sein kann. (Conrad Seidl, 6.8.2015)

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