Norden und Süden

Kolumne5. August 2015, 17:23
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Das Nord-Süd-Gefälle bereitet der Europäischen Union zunehmend Sorgen

Woher kommt es, dass die Deutschen reich sind und die Griechen arm? Wieso ist der europäische Norden wirtschaftlich erfolgreich und der Süden chronisch in Schwierigkeiten? Viele Kommentatoren haben in den letzten Monaten über diese Frage nachgedacht, und etliche sind dabei bei dem deutschen Soziologen Max Weber und dessen Standardwerk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus gelandet. Demnach wissen Protestanten besser, wie man mit Geld und Arbeit umgeht. Ein Leitartikler der in Berlin erscheinenden Zeitung Die Welt hat es auf die einfache Formel gebracht: Katholiken können halt nicht rechnen.

Auf den ersten Blick ist da was dran. Deutsche, Skandinavier, Niederländer, allesamt protestantisch geprägt, sind bekannt für gewissenhaftes Arbeiten, wenig Korruption, ordentliche Verwaltung. Italiener, Spanier, Griechen (die allerdings nicht katholisch sind, sondern orthodox) kämpfen chronisch mit den Übeln Vetternwirtschaft, Schlendrian, Staatsversagen. Das hat viel böses Blut und wechselseitige Vorwürfe hervorgerufen. Die deutsche Bild-Zeitung schrieb über die faulen Pleitegriechen. Und der italienische Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi tönte, man werde sich die mediterrane Lebensfreude doch nicht durch die deutschen Spießer und Erbsenzähler vermiesen lassen.

Aber stimmen alle diese Klischees? Nein, sagen die Gegner dieser Vereinfachungen. Das Bankwesen ist im katholischen Italien erfunden worden, die Republiken Florenz und Venedig waren jahrhundertelang führende Wirtschaftsmächte. Die Iren, katholisch durch und durch, haben immerhin ihre ökonomischen Schwierigkeiten erfolgreich gemeistert. Und im protestantischen Großbritannien sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich größer als in den meisten andern europäischen Ländern.

Trotzdem ist das Nord-Süd-Gefälle eine Tatsache, die der Europäischen Union zunehmend Sorgen bereitet. Vor allem die Deutschen, traditionell die Zahlmeister des Kontinents, pochen darauf, dass ein funktionierender europäischer Wirtschaftsraum Regeln braucht, an die sich alle halten, mediterranes Lebensgefühl hin oder her. Aber kann man Mentalitäten, die sich in Jahrhunderten herausgebildet haben, über Nacht ändern? In Griechenland gibt es bekanntlich kein Grundbuch, seit jeher ist man dort ohne ein solches ausgekommen. Lässt sich so etwas auf die Schnelle einführen, noch dazu von einer Regierung, der hinten und vorn das Geld fehlt? Europa ist stolz auf seine Vielfalt. Aber ohne einen gewissen Ausgleich – Gegner sagen: Gleichschaltung – wird es wohl kaum überleben können. Keine leichte Aufgabe.

Und wo steht in dieser Auseinandersetzung zwischen Norden und Süden eigentlich Österreich? Vermutlich dort, wo es auch geografisch verortet ist: irgendwo in der Mitte. Wir sind ein bisschen korrupt und ein bisschen tüchtig. Wir können gelegentlich ganz gut organisieren und landen gelegentlich doch im Schlamassel. Unsere Hauptstadt funktioniert nicht ganz so gut wie Stockholm, aber sehr viel besser als Rom. Man könnte auch sagen: Wir sind guter europäischer Durchschnitt. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 5.8.2015)

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