Pferde haben eine überraschend vielfältige Mimik

5. August 2015, 20:53
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Laut britischen Forschern sind die Huftiere so visuell geprägt, dass sie mehr Gesichtsausdrücke zeigen können als Hunde oder Schimpansen

Sussex – Vergleiche zwischen den Gesichtern von Menschen und Pferden zieht man im Allgemeinen nur, wenn man jemandem ein wenig schmeichelhaftes Aussehen unterstellen oder einen der ältesten Bar-Witze der Welt erzählen will: "A horse walks into a bar, and the bartender asks, "Why the long face?" Genau diesen Bartträger zitieren britische Forscher unvermeidlicherweise im Begleittext zu ihrer Studie, in der sie sich allerdings ernsthaft mit der Mimik von Pferden auseinandergesetzt haben.

Denn Mimik ist für die Kommunikation von Pferden äußerst wichtig, wie das Team um Erstautorin Jennifer Wathan von der Universität Sussex berichtet. Die Forscher haben daher ein Codierungssystem entwickelt, das auf der Muskulatur von Gesichtsteilen wie Lippen, Nüstern und Augen basiert und die gesamte Spanne der Gesichtsausdrücke der Tiere in verschiedenen sozialen Situationen umfasst.

Überraschende Zahlen

Sie fanden 17 einzelne "Aktionseinheiten", wie sie im Fachjournal "PLOS ONE" berichteten. Zum Vergleich: Bei Menschen gibt es 27 einzelne Gesichtsausdrücke, bei Schimpansen 13 und bei Hunden 16. Die identifizierten Einheiten fassten die Forschenden in einem Katalog zusammen, mit dem auch Pferdelaien zuverlässig die einzelnen Ausdrücke identifizieren konnten.

"Pferde sind sehr visuelle Tiere", sagt Wathan. Die Sehkraft der Tiere, die sich über Jahrmillionen an ein Leben in der freien Steppe angepasst haben, sei besser als die von Hunden und Katzen. "Uns hat das reiche Repertoire an komplexen Gesichtsbewegungen überrascht – und wie ähnlich viele davon denen von Menschen sind."

Umdenken erforderlich

Die mimische Muskulatur hängt bei Säugetieren mit dem Nervus facialis zusammen. Anders als beim Menschen haben jedoch für die Mimik und das Sozialverhalten vieler Tiere auch die Ohren, die durch die äußeren Ohrmuskeln bewegt werden, eine große Bedeutung.

Bisher sei man davon ausgegangen, dass die Mimik von Tieren umso rudimentärer sei, je weiter sie evolutionsgeschichtlich vom Menschen entfernt sind, erläuterte Studienleiterin Karen McComb. "Unser Katalog zeigt auf, dass Pferde, die ein komplexes und flexibles Sozialsystem haben, über eine sehr große Palette an Gesichtsausdrücken verfügen."

Dies sei ein Hinweis darauf, dass soziale Faktoren einen wesentlichen Einfluss auf die Evolution der Mimik hätten. Als nächstes wollen die Forschenden untersuchen, wie die katalogisierten Gesichtsausdrücke mit dem emotionalen Zustand der Pferde zusammenhängen. (red/APA, 5. 8. 2015)

  • Allzu nahe sind wir mit Pferden nicht verwandt. Britische Forscher betrachten daher den Einsatz der Gesichtsmuskulatur bei Pferden und Menschen als Beispiel für konvergente Evolution.
    foto: jennifer wathan

    Allzu nahe sind wir mit Pferden nicht verwandt. Britische Forscher betrachten daher den Einsatz der Gesichtsmuskulatur bei Pferden und Menschen als Beispiel für konvergente Evolution.

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