"Normalität" ist anderswo

Userartikel5. August 2015, 18:06
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Surreal und doch real: Ein Lokalaugenschein im Flüchtlingslager in Traiskirchen mit Spenden im Gepäck

Bei der Ortseinfahrt ein Adeg-Plakat mit der Aufschrift "Willkommen daheim". Eine bizarre Begrüßung, wenn man bedenkt, was einen nur wenige Kilometer weiter erwarten wird. Man kennt die Bilder aus den Medien, Zeitungen, Social Media. Die Zahl der Asylwerbenden steigt auch in Österreich. Mit Blick auf die weltpolitische Lage im Moment werden es nicht weniger werden – und die Verbesserung der Gegebenheiten hier bei uns in Österreich scheint noch in unerreichbarer Ferne zu sein. Zumindest an diesem Tag Ende Juli. Doch hier geht es nicht um Schuldzuweisungen und Anschuldigungen an Regierung oder Innenministerium. Es geht um meine persönlichen Eindrücke. Ich bin auf dem Weg zum Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen. Im Gepäck, was engagierte Freunde und Bekannte bei unserer privaten "Sammelstelle" vorbeibrachten: Kleiderspenden, Hygieneartikel, Taschen, Rucksäcke, Schlafsäcke, Decken, Pölster.

Schon einige hundert Meter vor dem Areal wurde unser vollbeladenes Auto von Asylsuchenden erspäht. Bis zum Eingang des Asyllagers hatte sich eine regelrechte Traube um das Auto herum gebildet, die ein Aussteigen beinahe unmöglich machte.

Wir meldeten uns am Torposten. Der gewährte die Fahrt hinein in das Areal und arrangierte, dass sich ein Mitarbeiter der Betreiberfirma ORS um uns und unsere "Ware" annehmen würde. Wir wurden angehalten, nichts direkt an die einzelnen Asylsuchenden auszuteilen – eine kaum zu bewältigende Herausforderung.

Szenen wie aus einem Film

Bittende und fragende Männer, die mit ihren Händen ein Zelt über ihren Kopf bildeten, um zu vermitteln, was sie brauchen. Familien mit Kleinkindern, die einfach bewegungslos vor uns stehen blieben und uns ansahen. Große Kinderaugen, die an dem Auto hafteten wie an einem funkelnden Weihnachtsbaum. Beschreibungen, die irreal wirken, fern, wie Szenen aus einem Film. Doch dies ist Realität, die sich hier wohl tagtäglich abspielt.

Grotesk und rührend

Während wir auf den ORS-Mitarbeiter warteten, kamen "neue" Flüchtlinge an. Einer von ihnen betrat das Zentrum sogar ohne Schuhe – das war dann der Moment, an dem ich mich nicht mehr beherrschen konnte. Ich bat also den Security-Mann, sich doch kurz umzudrehen und so zu tun, als würde er nichts merken, und händigte dem jungen Mann ein Paar schwarze Anzugsschuhe aus. Die Situation war so grotesk und rührend, dass alle Anwesenden plötzlich lachen mussten: Da stand er, der junge Mann, in seinen dreckigen kurzen Shorts, mit einem Fußballshirt bekleidte – und den schwarzen Lackschuhen, die ihm mindestens drei Nummern zu groß waren und mit denen er wie ein Pinguin davonwatschelte. Trotzdem habe ich noch nie einen Menschen gesehen, der sich so sehr über ein Paar Schuhe gefreut hat.

Wir verstauen die Spenden in einem Lagerraum. Tags darauf sei "Markttag", was bedeutet, dass alle gerade zur Verfügung stehenden Güter aufgelegt werden und sich die Asylsuchenden nehmen können, was sie "wollen" – nach dem Prinzip "First come, first serve."

"Thank you, you are help!"

Der Besuch in Traiskirchen ist schwer in Worte zu fassen. Einerseits die Hilflosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung in den Gesichtern der Frauen und Männer, die apathischen Bewegungen. Und andererseits die Erleichterung und Dankbarkeit der Flüchtlinge, überhaupt hier sein zu können. So wie bei jenem älteren Herren, der uns mit den Worten "Thank you, you are help!" im Vorbeigehen die Hand reichte.

"Normalität" ist ein Wort, das nach den Erlebnissen und Eindrücken dieses Tages eine ganz andere Bedeutung für mich bekommen hat. (Marie Amenitsch, 5.8.2015)

Marie Amenitsch studiert an der Universität Wien Vergleichende Literaturwissenschaft und Politikwissenschaft. Die Niederösterreicherin ist Initiatorin von "Waidhofen 4 Traiskirchen".

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    foto: standard/möseneder

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