Das Rätsel, warum Grasfressen wieder aus der Mode kam

8. August 2015, 13:04
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Im Pliozän Afrikas entwickelte sich in vielen verschiedenen Säugetiergruppen ein Run auf Gras – doch die meisten kamen wieder davon ab oder starben aus

Salt Lake City – Die Erdneuzeit ist trotz einiger Aufs und Abs von einem langfristigen Trend zur Abkühlung gekennzeichnet, der schließlich im Eiszeitalter gipfelte. Mit dem Klimawandel gingen auch Veränderungen der Flora einher – und einer der Hauptgewinner war Gras: Als widerstandsfähige und vergleichsweise anspruchslose Pflanzen kamen Gräser mit der zunehmenden Trockenheit in den Tropen Afrikas gut zurecht.

Ein neues Buffet wird eröffnet

Wie Forscher der University of Utah um den Geochemiker Thure Cerling in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten, eröffnete sich in den vergangenen zehn Millionen Jahren pflanzenfressenden Säugetieren damit eine neue Ressource. Reichlich vorhandene Ressourcen bleiben in der Natur selten lange ungenutzt – und tatsächlich entstand in der Folgezeit ein Run auf Gras, der vor vier bis zwei Millionen Jahren seinen Höhepunkt erreichte.

Cerling und sein Team analysierten den Zahnschmelz von afrikanischen Säugetierfossilien sowie Zahnschmelz und Haare von Exemplaren heutiger Arten. Daraus lässt sich ablesen, ob sich ein Tier vorwiegend von Gras oder von Blättern ernährt hat. Gräser wenden eine andere Form von Photosynthese an als blättrige Pflanzen, die landläufig als Bäume, Büsche oder Kräuter bezeichnet werden – und das lässt sich an den jeweils unterschiedlichen Verteilungen von Kohlenstoffisotopen feststellen.

Ein Boom und sein vorläufiges Ende

Es zeigte sich, dass im Zeitalter des Pliozäns, vor etwa 5 bis 2,5 Millionen Jahren, viel mehr unterschiedliche Säugetiergruppen Gras fraßen als heute. Afrikanische Elefanten etwa taten es – anders als heute. Ebenso Asiatische Elefanten, die damals in Afrika noch häufig vertreten waren. Es gab sogar eine grasfressende Giraffe und mit Paranthropus boisei auch einen Graser aus der Verwandtschaft des Menschen.

Aber der Boom flaute wieder ab. Heute gibt es im Wesentlichen nur mehr eine große Gruppe, die sich auf Gräser spezialisiert hat: die Hornträger, und selbst von diesen fressen viele Spezies – etwa verschiedene Antilopen und Gazellen – lieber Blätter. Daneben gibt es noch Gras-Spezialisten aus anderen Gruppen, die aber an der Artenzahl gemessen nicht ins Gewicht fallen, zum Beispiel Zebras und Warzenschweine.

Offene Fragen

Dabei macht Gras heute einen größeren Teil der Pflanzendecke aus als jemals zuvor. Warum dieses reichhaltige Buffet nicht mehr Besucher anlockt, bleibt ein Rätsel. Auch, weil es an fossilen Resten von Gräsern mangelt, aus denen sich ablesen ließe, ob sich Nährstoffgehalt, Verdaulichkeit und andere Eigenschaften über die vergangenen zehn Millionen Jahre verändert haben.

Als mögliche Erklärung bietet Cerling an, dass die Hornträger bzw. Rinderartigen mit ihrer Spezialisierung auf Gras so erfolgreich waren, dass sie fast alle Konkurrenten verdrängt haben. Dass Elefanten von Gras auf Blätter umgestiegen sind, könnte ganz simpel daran liegen, dass die Massen von Hornträgern das Gras so niedrig halten, dass es für Elefanten zu mühsam wurde, mit dem Rüssel danach zu grabschen.

Gestern und heute sind zwei Paar Stiefel

Eine überraschende Erkenntnis kann Cerling aus der Studie aber doch ableiten: Viele Tierarten wechselten während des untersuchten Zeitraums ihre Hauptnahrung – mal in der einen, mal in der anderen Richtung oder sogar mehrfach. Das bedeutet, dass es sich bei ihrem heutigen Verhalten eher um eine Momentaufnahme handelt. Will man ein vergangenes Ökosystem rekonstruieren, sollte man laut Cerling daher besser vorsichtig sein, heutige Beobachtungen auf die damalige Zeit zu übertragen. (jdo, 8. 8. 2015)

  • Prädestiniert zum Äsen, wo niemand anderer mehr rankommt. Unter den Vorfahren der heutigen Giraffen gab es allerdings auch Grasfresser.
    foto: reuters/goran tomasevic

    Prädestiniert zum Äsen, wo niemand anderer mehr rankommt. Unter den Vorfahren der heutigen Giraffen gab es allerdings auch Grasfresser.

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