Kranksein anderswo: Gesundheitssysteme in Europa

Ansichtssache25. August 2015, 05:30
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Die medizinische Versorgung ist ein Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaft. STANDARD-Korrespondenten berichten aus sechs Ländern.

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foto: apa/epa/ian langsdon

Stephan Brändle aus Frankreich

Die Franzosen halten ihr Gesundheitsmodell natürlich für das beste der Welt. Und es stimmt: Noch im Jahr 2000 hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Gesundheitsversorgung in Frankreich in einer Rangliste auf Platz eins geführt. Seither hat sie einige Plätze eingebüßt, aber der Stolz der Franzosen bleibt berechtigt, zumindest was die soziale Abdeckung betrifft.

Die "Securité sociale" kommt zwar nur noch für rund zwei Drittel der Gesundheitskosten auf; für Zahnbehandlungen, Brillen sowie Einzelzimmer im Spital haben die meisten der 65 Millionen Franzosen eine Zusatzversicherung abgeschlossen. Doch all jene, die durch die sozialen Maschen fallen würden – sogar die illegal zugereisten "Papierlosen" –, haben Anspruch auf die CMU, die unentgeltliche Gesundheitsversorgung.

Und die Qualität der Pflege? Sie nimmt wohl keinen Spitzenplatz ein. Französische Spitäler stehen oft in der Kritik.

Das Beste und sein Gegenteil

Eine Fernsehreportage aus einigen Notfallstationen zeigte kürzlich, wie ältere Patienten in dunklen Korridoren zwischengelagert und oft schlicht vergessen wurden. Das beste Gesundheitssystem der Welt hinderte eine Anästhesistin in Orthez (Südwestfrankreich) nicht daran, im Vollsuff zu arbeiten – worauf sie prompt die Spritzen verwechselte und eine Patientin in den Tod schickte.

Kurz, in französischen Arztpraxen und Spitälern trifft man das Beste an, aber auch sein Gegenteil. Auf die Auswahl kommt es an. Wer sich in Frankreich pflegen lässt, betreibt genaue Recherchen oder gehorcht der Mundpropaganda. Seinem Leben zuliebe.

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