"Jede Reform würde Haircut erhöhen"

Interview5. August 2015, 12:26
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Der US-Ökonom Barry Eichengreen schlägt eine spezielle Vereinbarung vor, um Griechenlands Schuldenproblem zu lösen. Motto: Quid pro quo

STANDARD: Sie haben einen Vorschlag erarbeitet, der die Konflikte zwischen Griechenland und seinen Gläubigern ein für alle Mal lösen soll. Wie sieht Ihr Plan aus?

Eichengreen: Griechenland braucht einen Schuldenschnitt. Doch die Regierung in Athen tut sich aus innenpolitischen Gründen schwer, die nötigen strukturellen Reformen umzusetzen. Deutschland seinerseits will, dass Griechenland zuerst reformiert – erst dann ist Berlin bereit, über einen Haircut zu sprechen. Mein simpler Vorschlag lautet: Berlin und Athen sollen einen Vertrag aushandeln, wonach Griechenlands Schulden automatisch erlassen werden, wenn Athen bestimmte Reformschritte umsetzt. Eine unabhängige Kommission, deren Mitglieder von beiden Seiten ernannt werden, würde überwachen, ob die Vereinbarungen auch eingehalten werden.

STANDARD: Was sind die Vorteile?

Eichengreen: Die griechische Regierung hätte ein stärkeres Eigeninteresse daran, Reformen umzusetzen. Deutschland als wichtigstes Gläubigerland hätte die Sicherheit, dass die Griechen nicht nur leere Versprechungen abgeben. Und die Gläubiger würden zumindest einen Teil ihrer Griechenlandkredite zurückbekommen. Wenn sich nichts ändert und das Programm scheitert, ist ja vermutlich das ganze Geld der übrigen Euroländer verloren.

STANDARD: Wie hoch wäre die Entschuldung der Griechen?

Eichengreen: Variabel. Jede zusätzliche Reform würde den Schuldenschnitt automatisch erhöhen. Das wäre ein wichtiges Argument in den innergriechischen Debatten. Ob Bäcker, Pharmazeut oder Taxifahrer: Viele Berufsgruppen sind gegen Veränderungen, weil sie Angst vor Einbußen haben. Wenn die Regierung ihnen sagen könnte: "Stimmt unserem Programm zu, denn dann sinken die Staatsschulden und vielleicht auch bald die Steuerlast", wäre das ein wichtiges Argument.

STANDARD: Gibt es ein historisches Vorbild für Ihren Plan?

Eichengreen: Ja, in den 1990er-Jahren wurde vom Pariser Klub, dem auch Deutschland angehört, eine ähnliche Vereinbarung mit Polen getroffen. Den Polen wurde eine Entschuldung zugesagt, wenn das Land bestimmte Reformen umsetzt, die der Internationale Währungsfonds (IWF) vorschlug und überwachte. Unsere Idee ist ähnlich. Nur ist der IWF in Griechenland nicht beliebt, weshalb wir seine Rolle durch die unabhängige Kommission ersetzen würden. (András Szigetvari, 5.8.2015)

Barry Eichengreen (Jg. 1952) ist Professor für Ökonomie und Politik an der University of California, Berkeley. Er forscht über Finanzkrisen und die Geschichte des Finanzsystems.

  • Eichengreens Vorbild ist der Umgang mit Polen.
    foto: standard/cremer

    Eichengreens Vorbild ist der Umgang mit Polen.

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