Vancouver erlaubt Cannabisläden gegen Willen der Regierung

5. August 2015, 15:04
214 Postings

Selbst die Polizei der Metropole an der kanadischen Westküste ging lang nicht gegen die Shops vor, die die Drogen offen verkaufen

"Lotusland" nennen Kanadas Kiffer die Westküstenstadt Vancouver, denn für Haschischkonsumenten ist sie ein Paradies. An vielen Ecken kann man sich in einem Laden einen Joint kaufen, obwohl offiziell der Verkauf von Haschisch in Kanada immer noch verboten ist. Dennoch wird das getrocknete Kraut in Glastöpfen und Plastiksäckchen feilgeboten – oder wie Pommes, Chips und Schokoriegel in einem Münzautomaten. Werbeschilder auf den Gehsteigen locken Kunden mit dem Slogan "Got Pot" (Wir haben Haschisch).

Die Auswahl in Vancouver ist groß: In der Canna-Clinic am Commercial Drive zum Beispiel bekommt man vierzehn Haschsorten, davon einige aus biologischem Anbau. Ein Gramm Organic Pink kostet zehn kanadische Dollar (sieben Euro). 30 Milliliter Konzentrat sind für 21 Euro zu haben.

Umgehung der gesetzlichen Regelung

Eigentlich darf man in Kanada Haschisch nur als Medizin legal erwerben. Die Droge muss von einem Arzt oder von spezialisiertem Krankenpersonal verschrieben werden. Dann dürfen Patienten Haschisch aus einem Katalog kommerzieller Händler bestellen, die von der kanadischen Regierung abgesegnet sind.

Aber all das lässt sich in Vancouver umgehen: Wenn der Arzt nicht hilft, dann bekommt man das Rezept auch von einem selbsternannten Naturheiler, der im Laden selbst die Kunden berät. In Lotusland sind die Haschläden wie Pilze aus dem Boden geschossen – zum Entsetzen der konservativen Regierung in Ottawa. Vor drei Jahren zählte man zwanzig Cannabislokale in der Stadt, heute sind es bereits knapp hundert.

Genehmigung vorausgesetzt

In Vancouver gibt es laut Zeitungsberichten mehr "Weed"-Läden als McDonald's-Lokale. Lange drückte die Stadtregierung beide Augen zu, und die Polizei tat dasselbe. Aber schließlich konnten die Behörden den Wildwuchs nicht mehr ignorieren. Deshalb beschloss der Stadtrat, den Cannabishandel zu regulieren. Haschläden müssen neuerdings eine Geschäftsgenehmigung für umgerechnet 21.000 Euro erwerben. Außerdem ist der Standort mit Auflagen verbunden: Die Läden dürfen nicht in Seitenstraßen aufmachen und auch nicht in der Nähe von Schulen oder Gemeindezentren.

Vancouvers lockere Haltung empört Kanadas Gesundheitsministerin Rona Ambrose. Sie schrieb dem Bürgermeister Greg Robertson einen strengen Brief. "Läden, die Marihuana verkaufen, sind illegal und werden unter der konservativen Regierung illegal bleiben", protestierte sie. "Wir erwarten, dass die Polizei das Gesetz durchsetzt." Aber die Gesetzeshüter hatten mehrfach deutlich gemacht, dass sie höhere Prioritäten hätten, als Haschischläden zu schließen und deshalb Leute zu verhaften.

Jointfest und Keksverbot

Diese Haltung hat Tradition in Vancouver: Seit Anfang der 1990er-Jahre treffen sich Tausende von Kiffern jeweils am 20. April in der Innenstadt zu einem Jointfest. Die Polizei überwacht das Rauschereignis, schreitet aber nicht ein. Auf die Kritik aus Ottawa reagierte Stadtrat Kerry Jang trocken: "Wir regulieren einfach ein unreguliertes Geschäft, genau wie wir es mit anderen Geschäften machen."

In den Läden darf man auch keine Kekse mehr verkaufen, nur das getrocknete Kraut und Tinkturen und Kapseln sind zugelassen. Das gefällt nicht allen, denn kürzlich hat das höchste kanadische Gericht entschieden, dass Patienten medizinisches Haschisch nicht nur in Form von Zigaretten, sondern auch als Plätzchen kaufen dürfen.

Laut Schätzungen besaßen im vergangenen Jahr mehr als 40.000 Kanadier Haschisch aus medizinischen Gründen. Laut den Gesundheitsbehörden könnten es in zehn Jahren mehr als 300.000 sein. Greg Engle, Chef des Cannabisanbauer Tilray, sieht eine rosige Zukunft für die Nation: "Eines Tages wird Kanada für medizinisches Haschisch so bekannt sein wie für Eishockey, Ahornsirup und Poutine." (Bernadette Calonego aus Vancouver, 5.8.2015)

  • Vancouver gilt nicht nur für Einheimische als Kifferparadies. Auch Touristen reisen in die kanadische Stadt, um ihre Joints ohne Probleme zu kaufen und auch zu rauchen.
    foto: ap photo/the oregonian, beth nakamura

    Vancouver gilt nicht nur für Einheimische als Kifferparadies. Auch Touristen reisen in die kanadische Stadt, um ihre Joints ohne Probleme zu kaufen und auch zu rauchen.

Share if you care.