Kolophon: Forschen, wo andere plündern

5. August 2015, 05:30
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Kolophon war vor 2500 Jahren eine der reichsten Städte der Region Ionien, doch ihre Ruinen wurden bisher kaum erforscht

Wien – Gelegen zwischen Tourismusmagneten wie den griechischen Inseln Lesbos und Samos, den Ruinen von Ephesos an der türkischen Westküste und der Millionenstadt Izmir befinden sich die bisher kaum erforschten Ruinen von Kolophon. Ein aktuelles Ausgrabungsprojekt bringt Überreste der Stadt zutage, die vor 2500 Jahren eine der reichsten Städte der Region war.

Der um 580 vor Christus in Kolophon geborene Philosoph Xenophanes berichtete in seinen Schriften vom Wohlstand seiner Mitbürger. Bei ihren Versammlungen trugen die Städter purpurrote Gewänder und schmeichelten ihren Nasen mit erlesenen Düften. Die Häuser Kolophons waren größer als im damaligen griechischen Kulturraum üblich. Sie verfügten oft über zwei Stockwerke und, im Erdgeschoß, ein Bankettzimmer für Feste.

Auch Kolophons Lage an der Westküste Anatoliens war außergewöhnlich. Als einzige der insgesamt 13 ionischen Städte wurde sie nicht direkt am Meer gebaut, sondern mehrere Kilometer landeinwärts am Fuße einiger Hügel.

"Dort gab es ideale Siedlungsbedingungen", sagt die Archäologin Ulrike Muss von der Universität Wien. Die direkt angrenzende Schwemmebene von Menderes verfügt über sehr fruchtbare Böden. Sie ist bis heute ein wichtiges Agrargebiet. Das Land war wohl auch die Basis für den Reichtum der Stadt. Die Kolophoner galten als hervorragende Pferdezüchter, und die Ebene bot ihnen gewiss erstklassige Weideflächen.

Ein weiterer ertragreicher Wirtschaftszweig stellte die Produktion von Kolophonium dar. Dieser aus Pinienharz hergestellte Teer diente zur Abdichtung von Schiffsrümpfen und Schuhwerk. "Es war ein wichtiger Exportartikel", sagt Muss. Kolophonium wurde bis nach Ägypten verkauft.

Skrupellose Raubgrabungen

Die Überreste Kolophons wurden 1885 von den deutschen Gelehrten Carl Schuchhardt und Carl Wolters entdeckt. 1922 führte ein US-amerikanisches Expertenteam die bislang einzige große Ausgrabung im Bereich der antiken Stadt durch. Das hieß allerdings nicht, dass die meist unterirdisch liegenden Ruinen wieder in einen Dornröschenschlaf versinken konnten. Raubgrabungen setzten dem Fundort schwer zu.

Kolophon, meint Muss, ist wahrscheinlich die am stärksten von Plünderungen betroffene Stätte in West-Kleinasien. Noch immer seien nachts skrupellose Schatzsucher mit Metalldetektoren und Spaten unterwegs. "Das ist nicht wirklich kontrollierbar."

Trotzdem kann das Gelände der Forschung viel bieten. Vor fünf Jahren hat Muss, zusammen mit ihrer Wiener Kollegin Verena Gassner und Christine Özgan von der Mimar Sinan-Universität in Istanbul, die wissenschaftliche Untersuchung Kolophons in eine neue Phase geleitet. Gefördert durch den Wissenschaftsfonds FWF, werden vor allem die Siedlungsstruktur und die Einbettung der Stadt in ihr naturräumliches Umfeld erforscht. Kolophon erstreckte sich von einer 326 Meter hohen Hügelkuppe an mehreren Hängen entlang bis ins Flachland östlich des heutigen Dorfes Degirmendere. Insgesamt scheint das Stadtgebiet mehr als einen Kilometer breit gewesen zu sein.

Die genaue Kartierung erfordert einen hohen technischen Aufwand. "Das hügelige Gelände ist heute stark bewaldet", sagt Muss. In der Ebene, dort, wo Felder sind, können die Archäologen verborgene Strukturen mittels Georadar und geomagnetischer Messungen aufspüren, doch aufgrund des Waldwuchses greifen sie erstmalig auch auf eine andere Methode zurück: Lidar. Dieses kostspielige Verfahren basiert auf Lasertechnologie. Die Aufnahmen werden vom Flugzeug aus gemacht und liefern hochaufgelöste Scans des Terrains mit sämtlichen Unebenheiten. Von bestimmten offiziellen Seiten wird so etwas nicht ohne Bedenken gesehen. "Es war extrem schwer, eine Genehmigung zu bekommen", sagt Muss. Die erfassten Daten müssen die Forscher auch dem türkischen Militär zur Verfügung stellen.

Während der vergangenen Jahre haben die Experten unter anderem den Verlauf der ehemaligen Stadtmauern neu dokumentiert und deren Bauweise untersucht. Man stellte die Verwendung unterschiedlicher Techniken fest. Das heißt jedoch nicht, dass die einzelnen Abschnitte zu unterschiedlichen Zeiten errichtet wurden, sagt Muss. Stattdessen waren es wahrscheinlich die Geländeverhältnisse, die einmal die Verwendung geradliniger Steinquader ermöglichten, ein andermal den Einsatz mehreckiger, polygonaler Blöcke forderte. Letztere sind nur an Steilhängen zu finden.

Rascher Bau der Stadtmauer

Auf der bereits erwähnten Hügelkuppe befindet sich die Akropolis von Kolophon. Sie umfasst mehrere, 1922 von den US-Amerikanern ausgegrabene Gebäude, darunter auch ein Metroon, ein der Göttermutter Kybele gewidmetes Heiligtum. Dort kam eine Bauinschrift aus dem späten 4. Jahrhundert vor Christus zutage. Im Text ist von der schnellen Errichtung einer Stadtmauer die Rede, welche den älteren Kern mit einem neuen Viertel verbinden soll. Die Beobachtungen von Muss und ihren Mitarbeitern würden mit einem solchen planmäßigen, raschen Bau des Mauerrings übereinstimmen. Andere Wissenschafter gehen allerdings von der Existenz eines älteren Abschnitts am Westrand des Areals aus. Schließlich hat sich Kolophon wohl schon im 7. Jahrhundert vor Christus von einer losen, dörflichen Siedlungsstruktur zu einer echten Stadt gemausert.

Die Erkundungen der österreichisch-türkischen Teams brachten auch die Position von mehreren, bislang noch unbekannten Tumuli ans Licht. Einige dieser Grabhügel wurden bereits von den US-Archäologen untersucht, ihr Inhalt geborgen. Die jetzt gefundenen Tumuli sind indes jüngeren Datums und zum Teil sogar noch unberührt, sagt Muss. Sie lassen sich nur anhand der Lidar-Scans orten, die Grabräuber haben das Nachsehen. Zumindest bisher.

Die Wissenschafter hoffen, dass die weitere Erforschung des Gebiets neue Einblicke in die Geschichte der Stadt ermöglichen – auch hinsichtlich ihres Endes. König Lysimachos ordnete Anfang des 3. Jahrhunderts vor Christus die Zwangsumsiedlung der Kolophoner nach Ephesos an. Münzfunde deuten gleichwohl darauf hin, dass wenig später noch immer Menschen dort lebten. Laut Muss kehrte vermutlich ein Teil der früheren Bevölkerung nach Lysimachos' Tod im Jahr 281 vor Christus in ihre Heimat zurück. Genaueres ist nicht bekannt. Viel Information dürfte noch im Untergrund versteckt liegen. Die türkischen Kollegen versuchen derzeit, eine Grabungsgenehmigung zu bekommen. (Kurt de Swaaf, 5.8.2015)

  • Aus der antiken Region Ionien an der  Westküste Kleinasiens in der heutigen Türkei sind etliche Bauten des Altertums erhalten. Im Bild zu sehen ist der Apollontempel Didyma.
    foto: corbis / all canada photos / chris cheadle

    Aus der antiken Region Ionien an der Westküste Kleinasiens in der heutigen Türkei sind etliche Bauten des Altertums erhalten. Im Bild zu sehen ist der Apollontempel Didyma.

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