Mordprozess: Der lügende Brandstifter

4. August 2015, 15:33
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Vor seiner Delogierung soll ein 46-Jähriger seine Wohnung in Wien angezündet und dadurch eine Frau getötet haben. Er sieht sich als Opfer

Wien – Das Leben von Werner C. scheint eine einzige Verkettung von Missverständnissen und Pannen zu sein. Was zwar bedauerlich, aber noch nicht so tragisch wäre, würde er nicht mit einer Mordanklage vor einem Geschworenengericht unter dem Vorsitz von Martina Krainz sitzen. Und die glaubt nicht recht an sein Dauerpech.

Der Staatsanwalt wirft dem 46-Jährigen vor, am Morgen des 16. April 2014 in seiner Wohnung in der Wiener Innenstadt Benzin verschüttet und dieses angezündet zu haben. Die Folge war eine gewaltige Explosion, durch die einstürzende Mauer wurde in der Nachbarwohnung eine junge Akademikerin erdrückt.

Als ihn Krainz fragt, was er zu dem Vorwurf sagt, lautet seine klare Antwort: "Ich bekenne mich nicht schuldig." Das haben zuvor schon seine Verteidiger Ernst Schillhammer und Alexander Razka angekündigt. Schillhammer kämpft in seinem Eröffnungsplädoyer heldenhaft, aber wohl vergeblich. Er bittet die Laienrichter, auf die Beweise zu achten und nicht darauf, dass sein Mandant ein "Lebemann" sei.

Völlig unglaubwürdig

Des Verteidigers Problem wäre allerdings nicht der Lebemann, sondern die völlige Unglaubwürdigkeit des Angeklagten.

"Erzählen Sie einmal, was voriges Jahr war, was haben Sie so gearbeitet?", beginnt Krainz. C. stellt sich selbstbewusst als Workaholic dar. In einer privaten Krankenanstalt habe er sich um finanzielle Dinge gekümmert, in einer Apotheke Schulungen zum Qualitätsmanagement durchgeführt, mit einer skandinavischen Firma wollte er Investitionen tätigen. "Ich habe auch eine Spendenaktion für Brandopfer betreut", verrät er.

Die Vorsitzende zeigt sich bedingt beeindruckt. "Mich interessiert mehr Ihr Einkommen. Sie hatten ja kein Geld." Was der Angeklagte wortreich bestreitet. "Ich war aktuell nicht illiquid. Ich habe insgesamt 130.000 Euro bekommen."

Keine Mieten bezahlt

Ausgegeben hat er sie allerdings nicht. Zumindest nicht für Mieten. Schon in seiner vorigen Wohnung, ebenso in nobler Innenstadtlage, hatte er den Betrag von 2.700 Euro nur die ersten beiden Monate beglichen.

"Na ja, sie hatten aber schon früher kein Geld", hält ihm Krainz Klagen aus den Jahren 2012 und 2013 vor – die Sozialversicherungsanstalt, Makler, ein Rechtsanwalt, andere Vermieter wollten Geld von ihm.

"Es gab enge Phasen, aber ich hatte Perspektiven", gesteht er dann doch ein. An den späteren Tatort musste er dennoch umziehen, da der Vermieter den Gerichtsvollzieher rief.

Diesem Vermieter schrieb C. einen Tag nach der Detonation einen Brief. "Ich hab Dich auf den Monitor gesetzt. Beim nächsten Mal kracht's", drohte er darin. Eine Kurzschlusshandlung, sagt der Angeklagte nun, er wollte den Brief gar nicht abschicken.

Speditionskosten schuldig geblieben

Er übersiedelte jedenfalls in die Wohnung in der Marc-Aurel-Straße. Die Spedition bezahlte er übrigens auch nicht – man habe ihm das Geld gestohlen, erzählte er dem Mitarbeiter. "Die haben massive Schäden an meinen Möbeln angerichtet", begründet er vor Gericht.

Die Miete in der neuen Wohnung blieb er ebenso schuldig. "Ich hatte das Geld, aber die Wohnung hatte Mängel und nur 124 statt 140 Quadratmeter", behauptet er.

Dann wird es mysteriös. Er habe einmal gesehen, dass die Eingangstür zugezogen wurde und nicht mehr, wie zuvor, versperrt war. "Und wer soll den Schlüssel gehabt haben?", will Krainz wissen. "Der Vormieter und die Vermieterin. Ersterer sei wohl schon wieder in Japan, mutmaßt er.

Mit der Vermieterin lag er wenig überraschend im Clinch, deren Sohn soll ihn dann bedroht haben. "Er hat gesagt, er kennt Leute von der Ostmafia und der Polizei und wird mich fertig machen", behauptet der Angeklagte. "Und warum haben Sie das nicht angezeigt?", wundert sich die Vorsitzende. "Weil es keinen Sinn gemacht hätte."

12.000 Euro in Schublade

Am 16. April hätte er jedenfalls delogiert werden sollen. Das hätte er verhindern können, beteuert er. "Ich hatte 12.000 Euro in bar in einer Schublade. Die wollte ich dem Gerichtsvollzieher geben."

Allein – die verbrannten. In dem Feuer, mit dem er nichts zu tun haben will. Er sei in der Nacht in seine Wohnung gekommen, als er die Tür öffnete, sei es zur Explosion gekommen.

Einen Grund, Polizei oder Feuerwehr zu verständigen, sah er offenbar nicht. Stattdessen ging er am Nachmittag zu einem Geschäftstermin, dann wollte er sich in der Nacht auf den 17. April selbst töten.

"Wann haben Sie beschlossen, sich umzubringen?", fragt ihn Beisitzer Friedrich Forsthuber, Präsident des Landesgerichtes. "Am Abend des 16., ich habe ja auch meine 11.000 Bücher verloren", bedauert sich der Angeklagte.

Valium, Schaumwein und Johanniskrauttee

In der privaten Krankenanstalt, für die er arbeitete, nahm C. laut seinen Angaben 20 Stück Valium, ein anderes Medikament, trank eine Flasche Schaumwein – und Johanniskrauttee. "Zur Dämpfung."

Dass der Sachverständige davon ausgeht, dass er nur ein bis drei Stück Valium genommen hat und diese Dosis normalerweise nicht tödlich ist, nimmt der Angeklagte reglos zur Kenntnis. Ebenso die Tatsache, dass auf seinen Schuhbändern Rückstände des verwendeten Benzins gefunden worden. Ob die aber auf die Schuhe getropft oder bei einer Explosion daraufgeschleudert wurden, kann der Experte nicht sagen.

Am Mittwoch wird fortgesetzt. (Michael Möseneder, 4.8.2015)

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