Ein Blick für Jäger: Lenny Kravitz als Fotograf

6. August 2015, 17:00
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Der Rockstar als Fotograf: Lenny Kravitz hält auf seinen Bildern Paparazzi die Kamera vor. Bald sind die Fotos und ihr Schöpfer in Wien zu sehen

Er hat ein Problem mit der Stimme. Einen Tag zuvor ist Lenny Kravitz in Marbella aufgetreten, am Folgetag ist Barcelona dran. Aber reden könne er jetzt erst einmal nicht, nein, Sorry, das Telefoninterview ist abgesagt. Aber ein paar schriftliche Fragen könne man ihm gern schicken. Die Ausstellung in Wien liege ihm nämlich am Herzen. Sehr sogar. Lenny, der Rockstar, wird in Wien Lenny, den Fotografen, geben. Auf der Bühne (und auch auf der Leinwand) kennt ihn jeder, als Mann hinter der Kamera ist Kravitz aber ein beinahe unbeschriebenes Blatt. Keiner, um den sich die Massen reißen.

Im März stellte der 51-Jährige seine Bilder erstmals in der Leica-Galerie in Los Angeles vor, später in Wetzlar in der deutschen Provinz. Die Städte, durch die Kravitz gerade als Bühnengott tourt, klingen da etwas illustrer. "Die Fotografie betreibe ich genauso professionell wie Musik, Design und die Schauspielerei", lässt er einen, nur eine halbe Stunde nachdem das Interview abgesagt wurde, schriftlich wissen. Nicht, dass da jemand auf falsche Gedanken käme und Kravitz einen Hobbyfotografen schimpft. Ist Kravitz auch nicht.

Wimmelbilder in Schwarz-Weiß

Der Mann mit der (verspiegelten) Sonnenbrille, der mit seiner erotischen Ausstrahlung genauso gut umzugehen weiß wie mit seiner Gitarre, gibt mit seiner Kamera den professionellen Paparazzo. Die Menschen, die verzückt die Fotoapparate zücken, wenn der Mann mit dem begnadeten Körper über die Straße oder den roten Teppich läuft, werden von Kravitz selbst fotografiert. Es sind allesamt Schnappschüsse, die der in Brooklyn geborene Sohn eines ukrainisch-jüdischen Fernsehproduzenten und einer bahamesisch-afroamerikanischen Schauspielerin in den vergangenen Jahren gemacht hat. Das Panorama einer kollektiven Ekstase. Der Rausch einer Celebrity-geilen Öffentlichkeit. Wimmelbilder in Schwarz-Weiß. Sehr real. Und gleichzeitig beinahe surreal. Es war der mit Kravitz befreundete Fotograf Jean-Baptiste Mondino, der den Anstoß gab, aus den Bildern eine eigene Ausstellung (und unter dem Titel "Flash" ein eigenes Buch) zu machen.

Von Fellini-Filmen seien die Bilder inspiriert, lässt einen Kravitz wissen: "Sie geben meine Reise im Auge der Öffentlichkeit wieder. Es geht um Paparazzi, und es geht darum, dass mittlerweile jeder Zugang zu Technologien hat." Es ist kein genervter Blick auf die Celebrity-Kultur, den Kravitz vermittelt, viel eher ein analytischer Blick auf das, was um einen herum vorgeht. Und der Versuch, seiner Umwelt einen ästhetischen Rahmen zu verpassen.

foto: matthieu bitton
Lenny Kravitz: Musiker, Fotograf, Designer.

Darin hat Kravitz viel Erfahrung. Der Mann ist sowohl als Musiker als auch als Designer ein Meister der Inszenierung. Wahrscheinlich lässt er sich deswegen auch so ungern auf ein Genre festlegen. Neben Lenny, dem Musiker, hat sich Lenny in den vergangenen zwölf Jahren auch als Lenny, der Designer, einen Namen gemacht.

Kravitz Design heißt das Unternehmen mit Sitz in New York, das er seit 2003 leitet und das vorzugsweise Prachthotels und Strandhäuser ausstattet – und nebenbei auch noch Luster oder Sushi-Schachteln designt. Zebraprints treffen da auf dicke Teppiche, Fotos von Walker Evans auf Stepp-Sofas. Genauso wie seine Fotos sind auch Kravitz' Interieurs meist in Schwarz und Weiß gehalten. Und genauso wie die Fotos vermitteln sie eine Lust für Extreme.

Guter Geschmack hat bei Kravitz nichts mit Understatement zu tun. Seine Referenzpunkte sind weniger skandinavische Holzhäuser als die pompösen Mansions der amerikanischen Ostküste. Ihnen verleiht er ein beinahe karibisches Feeling.

Mit der Kamera gespielt

"Mein Verhältnis zu Fotoapparaten war ursprünglich auch von ihrem Design bestimmt", schreibt Kravitz: "Ich habe gar keine Fotos gemacht, sondern mit Kameras gespielt, weil mich deren Design fasziniert hat. In der Zeit, als ich mein erstes Album aufgenommen habe, habe ich dann die Fotografie entdeckt. Ein Freund von mir hatte eine Dunkelkammer, da habe ich viel Zeit verbracht, während wir Bob Marley und Pink Floyd gehört haben."

Öfter, als er selbst fotografierte, wurde Kravitz im Laufe seiner Karriere aber zum Objekt der Fotografen. Die meisten der jüngeren Porträts stammen von Mathieu Bitton, der Kravitz auf seinen Konzerten begleitet und auch noch im Tourbus auf den Auslöser drückt. Es ist der öffentliche Kravitz, der in Bittons Bildern auf den privaten trifft. In der Wiener Ausstellung werden seine Bilder erstmals ausgestellt. Sie geben dem Objekt der Begierde, das in Kravitz' Bildern ausgespart ist, ein Gesicht. Eine Variation des Jäger-und-Beute-Themas, wobei unklar ist, wer gerade auf wen Jagd macht.

Inmitten all der aufgerichteten Fotoapparate ist auf einem der Bilder eine junge Frau zu sehen, lächelnd, mit zur Seite geneigtem Kopf. Die wild mit ihren Fotoapparaten fuchtelnden Menschen an ihrer Seite sind nur Beiwerk in dieser Komposition aus Blicken. Ein symbolträchtiges Bild – eines, auf dem die Beute zum Jäger wird. (Stephan Hilpold, Rondo, 7.8.2015)

Die Ausstellung "Flash" eröffnet am 10. August in der Galerie Ostlicht in Wien.

>> Lenny Kravitz und sein #Penisgate in Stockholm

  • Schreien, Kreischen, sehnsüchtige Blicke: Wenn Lenny Kravitz (im Bild mit seiner Leica) in Erscheinung tritt, fallen die Reaktionen meist ziemlich heftig aus.
    foto: matthieu bitton

    Schreien, Kreischen, sehnsüchtige Blicke: Wenn Lenny Kravitz (im Bild mit seiner Leica) in Erscheinung tritt, fallen die Reaktionen meist ziemlich heftig aus.

  • Auf seinen Bildern dreht Kravitz den Spieß um – und  fotografiert die Fotografierenden.
    foto: lenny kravitz

    Auf seinen Bildern dreht Kravitz den Spieß um – und fotografiert die Fotografierenden.

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    foto: lenny kravitz
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