Der "Flüchtingsmasse" Gesichter geben

Userkommentar4. August 2015, 15:46
143 Postings

Von der persönlichen Begegnung mit Flüchtlingen in Salzburg und dem Irrtum, alle in einen Topf werfen zu können

"Wenn die Flüchtlinge alle so arm sind, wieso tragen sie dann Markenklamotten und besitzen Smartphones?" – "Die Zeltstadt liegt inmitten von Wohnblöcken – wir Anrainer haben Angst!" – "Diese Feiglinge haben Frauen und Kinder zurückgelassen, nur um hier zu schmarotzen."

Jeden Tag. Jeden Tag lese ich solche Kommentare im Internet. Jedes Mal brodelt es in mir. Ich werde zuerst wütend, dann traurig. Die Verfasser dieser Anti-Flüchtlings-Postings machen einen großen Bogen um das Salzburger Zeltlager – und um Flüchtlingsquartiere im Allgemeinen. Doch was wäre wenn? Wenn diese fremdenfeindlichen Poster die – in meinen Augen wunderbare – Gelegenheit nutzen würden, mit den betroffenen Personen zu reden und ihre Geschichte zu hören?

Eine Freundin und ich hatten die Nase voll von der medialen Berichterstattungen über die Flüchtlingszelte in der Alpenstraße. Wir wollten uns einen eigenen Eindruck verschaffen und mit den dort lebenden Männern reden. Danach ging es mir dreckig. So viele Eindrücke und Emotionen.

Zwischen Schutt und Asche

Da war etwa ein Syrer Anfang fünfzig. Er zückte sein Handy, um uns Fotos und Videos seiner zur Gänze durch Bombardierungen zerstörten Wohnung zu zeigen. Alles lag in Schutt und Asche – auf den Bildern waren seine Familie und er noch mittendrin zu sehen.

Ein besseres Leben – ohne Krieg

Oder ein syrischer Familienvater Mitte dreißig. Er zeigte unzählige Fotos seiner fünfjährigen Tochter und seiner Ehefrau. Vor etwa drei Monaten musste er sich von den beiden verabschieden – nachdem er sie an einen mehr oder weniger sicheren Ort im Libanon gebracht hatte. Und bevor er sich per Schlauchboot und zu Fuß daranmachte, sein Leben zu riskieren, um ihm selbst – und zukünftig hoffentlich auch seiner kleinen Familie – ein besseres Leben ermöglichen zu können. Mit einem verzweifelten Lächeln sagte er leise, wie sehr ihm seine kleine Tochter jeden Tag fehlt.

Hoffnung für 7.500 Euro

Ein Iraker Ende dreißig, der als Einziger seiner Familie die Flucht angetreten hatte und dafür 7.500 Euro an Schlepper zahlen musste. Diese Summe weist nicht darauf hin, dass er im Grunde eigentlich ganz gut betucht ist. Sie wurde von der gesamten Familie zusammengespart – voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Von Bomben geweckt

Dann war da noch ein Syrer Ende zwanzig. Er erzählte von schlaflosen Nächten in Damaskus, in denen er von Bomben in der Nachbarschaft geweckt wurde. Er hatte einen großen Teil seiner Flucht mit dem Fahrrad zurückgelegt. Schlafen musste er meist am Wegesrand, neben seinem Fahrrad, das ihn durch "so viele wunderschöne Länder mit so vielen netten Menschen" trug.

Endstation seiner Flucht war zunächst Traiskirchen – nun haust er unter einer der Plastikplanen im Salzburger Zeltlager. Trotz allem ist er dankbar für die Möglichkeit, hier in Sicherheit leben zu können, wenn auch nur in einer Zeltstadt. "I love Austria. It’s so beautiful." – Zwei Sätze, die er nie müde wird zu wiederholen. Und dann ist da noch dieser unendliche Optimismus, gemischt mit einem unbeschreiblich tiefschwarzen Humor. "Sobald ich meine Papiere habe, suche ich mir Arbeit und werde nebenbei als 'DJ Refugee' berühmt."

Überlebenswillen und Optimismus

Es ist offensichtlich: Sie alle sind traumatisiert, sie alle vermissen ihre Familien und Freunde. Die einen verarbeiten es, indem sie sich zurückziehen, die anderen mit einem unglaublichen Überlebenswillen und Optimismus. Sie sind seit Wochen, teilweise Monaten, in Massenlagern untergebracht, leben auf engstem Raum mit anderen, genauso traumatisierten Männern zusammen.

Abwechslung? Aufmunterung? Fehlanzeige. Sie alle haben Smartphones, ja. Denn diese sind der einzige Weg, um mit ihrer so weit entfernten Familie in Kontakt zu bleiben. Um sie darüber zu informieren, dass sie die gefährliche Flucht überstanden haben und nun in Sicherheit sind. Um ihren kleinen Söhnen und Töchtern aus der Ferne beim Wachsen zuzusehen und um die Zeit totzuschlagen, bis eines Tages endlich ihr Name auf der Transferliste steht und sie ihren Platz im Zelt hoffentlich gegen ein Zimmer eintauschen können.

Keine Verallgemeinerungen mehr

Ich kann die Verallgemeinerungen nicht mehr hören. Geht ins Zeltlager! Nehmt an einem der Flüchtlingsfeste teil! Redet mit den Flüchtlingen, lernt sie und ihre Geschichten kennen, schenkt ihnen ein offenes Ohr! Hinter der Flüchtlingsmasse stecken hunderte Einzelschicksale.

Was wäre, wenn plötzlich unsere Häuser bombardiert würden und wir unseren Liebsten beim Sterben zusehen müssten? Nicht auszudenken. Nicht jeder hat das unsagbar große Glück, in einem reichen und friedlichen Land aufzuwachsen. Es ist nichts weiter als ein Zufall.

"Life’s beautiful!"

Draußen regnet es. Ich mache mir wegen der Zustände im Zeltlager und aufgrund des Wetters Sorgen. Da heitert mich ausgerechnet meinen syrischer Kumpel per Telefon auf, der gerade unter einer Plastikplane im Schlamm sitzt. "Komm schon, uns geht’s gut, wir sind alle am Leben, es ist nur ein Regenguss. Life’s beautiful!" – Sobald er seinen positiven Asylbescheid erhält, werde ich ihn dazu zwingen, Seminare abzuhalten und seinen verdammten Optimismus in unserer Gesellschaft zu verbreiten. (Nina Pair, 4.8.2015)

  • Und plötzlich erhält die Flüchtlingsmasse Gesichter und Namen.
    foto: apa/epa/darrin zammit lupi/moas

    Und plötzlich erhält die Flüchtlingsmasse Gesichter und Namen.

Share if you care.