DTM: Der Sturm nach dem Funkskandal

3. August 2015, 18:17
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Der Befehl zum Abräumen durch Audi-Vorstand Wolfgang Ullrich an Pilot Timo Scheider sorgt in der DTM für Aufruhr

Spielberg/Hamburg – Auch am Tag danach kam die DTM nicht zur Ruhe. Zu krass war das Vorgehen von Audi-Pilot Timo Scheider gegen den Meisterschaftsführenden Pascal Wehrlein (Mercedes), zu logisch erscheint die Kausalkette zwischen dem vermeintlichen "Abschussbefehl" von Audi-Motorsportchef Wolfgang Ullrich ("Timo, schieb ihn raus") und der Kollision wenige Sekunden später.

Als "grob unsportlich" bezeichnete Mercedes-Teamchef Ulrich Fritz den Funkspruch: "Das ist ein Verhalten, das wir von unseren Fahrern nicht tolerieren und auch nicht fordern werden." Der langjährige Mercedes-Motorsportchef und aktuelle ARD-Motorsportexperte Norbert Haug sagte auf SID-Anfrage: "Das ist schlecht für unseren Sport. Ein Rennergebnis wurde verfälscht – ein Vorgang, der am Saisonende womöglich das Endergebnis beeinflussen kann."

Eine Schuldfrage liegt für den Deutschen Motor Sport Bund (DMSB) jedenfalls nicht vor. "Nach Ansicht der Sportkommissare muss aufgrund der Telemetriedaten und der vorliegenden Videoaufnahmen davon ausgegangen werden, dass die Kollision absichtlich herbeigeführt wurde", heißt es in der Begründung für Scheiders Rennausschluss am Sonntagabend. Auf Empfehlung der Rennkommissare in Spielberg wurde zudem eine Untersuchung in die Wege geleitet.

Genugtuung bei Wehrlein

Das bedeutet nichts anderes, als dass Ullrich nicht – wie er beteuerte – versehentlich Funkkontakt zu Scheider hatte. Ebenso ist demnach auch die Version des zweimaligen DTM-Champions Scheider infrage zu stellen, er habe "nichts registriert" und sei letztlich unglücklich ins Heck von Mercedes-Pilot Robert Wickens gekracht, der in einer Kettenreaktion den sechstplatzierten Wehrlein in der letzten Runde ins Kiesbett beförderte.

Wehrlein verspürte am Montag zumindest Genugtuung. "Die Sportkommissare haben es nach Auswertung der Videos und Daten als ABSICHT eingestuft", schrieb der Formel-1-Testfahrer auf seiner offiziellen Facebook-Seite – um wenig später einen speziellen Gruß an Audi zu löschen und seinen Post damit zu entschärfen.

Nachdem juristisch die Weichen gestellt sind, werden nun die Rufe nach Konsequenzen und einem klaren Wertekodex in der DTM laut. "Es gibt im Sport viel Wichtigeres als Pokale, Trophäen, Siege und gewonnene Meisterschaften. Nämlich Stil, Respekt vor dem Gegner, Ehrlichkeit, Sportlichkeit und auch Mut und Kraft, zweiter Sieger werden zu können", sagte Haug.

"Motorsport ist nicht gerade ungefährlich"

"So etwas darf es in der DTM und im gesamten Motorsport nicht geben. Durch das DMSB-Urteil darf kein Anreiz entstehen", sagte Mercedes-Teamchef Fritz und wies neben dem moralischen Aspekt auf einen weiteren Faktor hin: "Man darf nicht vergessen, dass wir hier Motorsport betreiben – und der ist nicht gerade ungefährlich."

Während Audi den Wertungsausschluss akzeptierte, steht Ullrich als erster Mann der Ingolstädter im Motorsport weiterhin im Fokus. "Der Funkspruch hat sich für mich nicht besonders emotional angehört", sagte der frühere DTM-Star Manuel Reuter. Ullrich hatte die Äußerung auf seine Aufregung in dem fraglichen Moment zurückgeführt, sie sei "allein dem Adrenalin in diesem Moment geschuldet" gewesen. Er funke während eines Rennens nicht mit den Fahrern und habe auch nicht gewusst, dass der Funk offen war. Sein Ausspruch sei deshalb "auf gar keinen Fall eine Anweisung an Timo" gewesen.

Reuter, nach seiner Rennfahrerkarriere zunächst TV-Kokommentator und mittlerweile Sprecher der Fahrergewerkschaft, hat unabhängig von dem nun anstehenden juristischen Geplänkel noch eine ganz andere Sicht der Dinge: "Für die DTM ist das ohne Zweifel gut. Aber das steht auf einem anderen Blatt." (sid, 3.8.2015)

  • Wehrlein, hier noch nicht im Kiesbett.

    Wehrlein, hier noch nicht im Kiesbett.

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