Börse in Athen: Wiedereröffnung in Tiefrot

3. August 2015, 18:15
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Nach fünf Wochen ließ die Regierung die Börse wieder aufsperren. Die vier größten Banken verloren gleich einmal 30 Prozent ihres Aktienwerts

An eine solche Kellerfahrt können sich Börsianer in Athen nicht erinnern. 181 Punkte rasselte der Leitindex am Montagmorgen, nur Minuten nach der Handelseröffnung, hinunter. 22 Prozent minus zeigte der Kurs an, zehn Milliarden Euro waren verbrannt. Nach fünf Wochen Zwangsschließung war das Wiedersehen der Händler in der Börse in der Athinon-Straße, westlich der Athener Innenstadt, alles andere als gelungen.

"Es ist ein Durcheinander", sagte ein Mitarbeiter von NBG Securities, der Börsensparte der National Bank of Greece, über den ersten Tag: "Es gab viel Druck am Morgen, eine große Menge an Verkäufen. Das ist verständlich nach mehr als einem Monat Börsenschließung." Dass die vier griechischen Großbanken, darunter die NBG, die größten Verluste machten, sei nicht verwunderlich. "Niemand hat eine Ahnung, wie es morgen sein wird. Wir müssen ein paar Tage warten, um zu sehen, dass sich der Markt beruhigt."

30 Prozent verloren die National Bank of Greece, Piraeus Bank, Alpha Bank und Eurobank, selbst große Exportunternehmen wie der Aluminiumhersteller und Kraftwerkbauer Mytilineos und der Baukonzern Aktor wurden mitgerissen. Zum Börsenschluss lag das Minus bei rund 16 Prozent.

"Frisches" Geld

Für den Handel waren dabei enge Grenzen gesetzt. In Griechenland gelten seit dem 26. Juni Kapitalverkehrskontrollen, um den weiteren Abzug von Bargeld und Vermögen zu verhindern. Griechische Anleger können Aktien nur mit "frischem" Geld aus dem Ausland oder mit eigenem Bargeld aus Tresors kaufen; nach wie vor gilt ein Limit an Bargeldabhebungen von 420 Euro in der Woche. Leerverkäufe sind an der Athener Börse schon länger untersagt.

Die Kapitalkontrollen würden nun nach und nach gelockert, versicherte Vizeregierungschef Yiannis Dragasakis von der linksgerichteten Partei Syriza in einem Interview am vergangenen Wochenende. Die Wiedereröffnung der Börse sollte auch ein weiterer Schritt zur Normalität im Land sein, seit die Banken Mitte Juli wieder aufgesperrt hatten. Doch auch Dragasakis zeigte sich nüchtern über den Zustand der Wirtschaft nach dem monatelangen Ringen mit den Kreditgebern: Vier bis fünf Prozent könnte die Rezession in diesem Jahr betragen, sollte nicht noch schnell Abhilfe geschaffen werden, so sagte er.

Das Athener Wirtschaftsinstitut IOBE meldete in einem am Montag vorgestellten Quartalsbericht einen Absturz des Geschäftsklimaindikators auf das Niveau vom Herbst 2012, einem Tiefpunkt der griechischen Krisengeschichte seit 2010. Die Industrieproduktion sank im Juli auf ihren niedrigsten Stand in 16 Jahren.

Die Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung und den Vertretern der Gläubiger über eine neue Kredithilfe von 86 Mrd. Euro laufen in Athen weiter. Am Montag meldete das Arbeitsministerium eine Teileinigung bei der Pensionsreform, die Arbeitnehmer nicht treffen soll, die im Juni in den Ruhestand gehen konnten. (Markus Bernath aus Athen, 3.8.2015)

  • Handel nach fünf Wochen Pause:  Griechenlands Banken, die auf eine neuerliche Rekapitalisierung durch  die Gläubiger des Landes warten, waren die mit Abstand größten Verlierer  am ersten Börsentag.
    foto: reuters/kourtoglou

    Handel nach fünf Wochen Pause: Griechenlands Banken, die auf eine neuerliche Rekapitalisierung durch die Gläubiger des Landes warten, waren die mit Abstand größten Verlierer am ersten Börsentag.

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