"Beziehungen zwischen Serbien und Kroatien haben Tiefstand erreicht"

Interview4. August 2015, 09:11
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Petar Ladjević, Mitglied des Serbischen Volksrates in Zagreb, bezeichnet das Vorgehen gegen die Serben im Kroatienkrieg als ethnische Säuberungen mit Vorbedacht. Eine Versöhnung ist in weiter Ferne

STANDARD: Was bedeutet die "Operation Sturm" der kroatischen Armee von Anfang August 1995 für die Kroaten, und was für die Serben?

Ladjević: In Kroatien wird dieser Jahrestag als Sieg gefeiert, in Serbien trauert man jedoch an jedem 5. August und gedenkt der Niederlage. Das Ziel der kroatischen Militäraktionen "Blitz" und "Sturm" war, die serbische Frage in Kroatien zu lösen. Sie wurde gelöst, indem rund 250.000 Serben vertrieben wurden. Diese zwei Aktionen fanden zu einer Zeit statt, in der es galt, den kroatischen Staat "abzurunden", damit er funktionsfähig werden kann – und die Serben waren der Störfaktor. Die kroatische Armee wurde logistisch von den USA unterstützt; und politisch von einzelnen europäischen Staaten, unter ihnen auch Österreich und Deutschland. Alle Serben, die damals politisch aktiv waren, wussten, dass es zu so etwas kommen konnte. Denn der kroatische Chauvinismus wollte die Serben loswerden, und Serbien hat sich um die Interessen der kroatischen Serben nicht gekümmert.

STANDARD: Hatte Serbien nicht de facto Teile Kroatiens okkupiert?

Ladjević: Das ist Schwachsinn. Es handelte sich um einen klassischen Bürgerkrieg. Die Serben lebten jahrhundertelang auf diesem Gebiet. Sie hatten Angst vor neuen kroatischen, militärischen Strukturen; vor dem Chauvinismus in Franjo Tudjmans Kroatien; vor dem Wiedererwachen des unabhängigen Staates Kroatien von Hitlers Gnaden. Und sie haben einen Aufstand organisiert. Natürlich war Serbien nicht unschuldig, weil es mit dem Wachrufen des primitiven serbischen Nationalismus der Entstehung serbischer politischer Eliten in Kroatien geholfen hatte, die an einer demokratischen Lösung nicht interessiert waren.

STANDARD: Aber Kroatien hatte keine Souveränität über sein gesamtes Territorium ...

Ladjević: Das stimmt. Aber dieses Territorium hatte nicht Serbien besetzt: Es wurde von kroatischen Serben kontrolliert, die "Republik serbische Krajina" wurde ausgerufen. Man darf auch nicht vergessen, dass Kroatien zu Beginn des Bürgerkrieges kein unabhängiger Staat war: Es war noch immer Teil Jugoslawiens. Die jugoslawische Armee konnte daher kein Aggressor in Kroatien sein: Sie war da im eigenen Land. Sie hatte nicht etwa Italien angegriffen. Ich verstehe, dass Kroatien die Souveränität auf seinem ganzen Territorium haben wollte. Aber gleichzeitig hätte Kroatien dem serbischen Volk, das existenzielle Ängste hatte und überzeugt war, in Kroatien ohne Jugoslawien nicht überleben zu können, eine politische Lösung anbieten sollen.

STANDARD: War eine politische Lösung nach der Zerstörung von Vukovar überhaupt möglich?

Ladjević: Möglich schon. Auch weil die internationale Gemeinschaft lange auf einer politischen Lösung bestanden hatte. Doch weder die damalige Führung der kroatischen Serben, noch die Regierung in Belgrad, noch Tudjman waren daran interessiert. Letztendlich löste eine ethnische Säuberung mit Vorbedacht die serbische Frage in Kroatien. Vor dem Uno-Tribunal für Kriegsverbrechen wurden drei kroatische Generäle von ihrer Verantwortung für die in der "Operation Sturm" begangenen Verbrechen freigesprochen. Wenn sie nicht verantwortlich sind, wer ist dann für den Tod von 2500 serbischen Zivilisten und 250.000 Vertriebenen verantwortlich?

STANDARD: Serben und Kroaten haben offensichtlich völlig verschiedene historische Wahrheiten. Ist eine wirkliche Versöhnung so überhaupt möglich?

Ladjević: Ja, dann, wenn Serbien und Kroatien wirklich demokratische Staaten werden; wenn die Achtung von Menschenrechten Vorrang bekommt vor kollektivistischen Spinnereien über historische Wahrheiten. In Kroatien müssen Serben nicht länger um ihr Leben bangen. Aber: Die "Operation Sturm" wurde mit anderen Mitteln fortgesetzt, etwa mit einem diskriminierenden Gesetzwesen, um die Rückkehr der Serben zu verhindern.

STANDARD: Nennen Sie mir doch bitte ein Beispiel dafür.

Ladjević: Zum Beispiel die Eigentumsgesetze. Kroatien hatte in dieser Hinsicht praktisch ein paralleles Gesetzwesen: eines für Serben und eines für Kroaten. Die Reparatur von im Krieg beschädigten Häusern in kroatischem Besitz wurde im Eiltempo vorangetrieben; serbische Häuser wurden bis heute nicht repariert. In Kroatien wurden Serben Wohnrechte vorenthalten, die aber etwa in Bosnien als Eigentumsrechte anerkannt wurden. Kroatien wurde in die EU aufgenommen, trotz diskriminierender Minderheitengesetze. Die Menschenrechte der Serben wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht geachtet. Westliche Regierungen haben in Kroatien Vieles toleriert, was sie im eigenen Land nicht erlauben würden.

STANDARD: Wie sind heute die Beziehungen zwischen Serbien und Kroatien?

Ladjević: Die bilateralen Beziehungen haben einen Tiefstand erreicht. Serbien hat derzeit keinen Botschafter in Zagreb, das sagt doch alles aus. (Andrej Ivanji, 4.8.2015)

foto: ivanji
Petar Ladjević, Serbe aus Kroatien, ist Professor der Soziologie und Philosophie und Mitglied des Serbischen Volksrates in Zagreb. Er war Präsidentenberater für Flüchtlingsfragen nach der Wende in Serbien im Jahr 2000.
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