Obdachlose Flüchtlinge: Rasche Gegenmaßnahmen fehlen

2. August 2015, 18:21
475 Postings

In den kommenden Tagen und Wochen wird sich die Quartiersituation nicht bessern, fürchten NGO-Vertreter

Wien/Traiskirchen – Vergangenen Freitag herrschte in Sachen Flüchtlingsquartiere Aufbruchstimmung. Die Regierungsspitze brachte ein Verfassungsgesetz ins Spiel, um es dem Bund künftig zu erleichtern, Flüchtlingsquartiere zu eröffnen. Das Innenministerium kündigte an, in den Landesleitzentralen der Polizei Single Points of Contact (Spoc) zur vereinten Unterkunftsuche von Bund, Ländern und NGOs zu eröffnen.

Doch ob diese Maßnahmen geeignet sind, den weiterhin über 2.000 im Lager Traiskirchen unter freiem Himmel nächtigenden Asylwerbern in absehbarer Zeit ein Dach über dem Kopf zu verschaffen, wagt manch NGO-Vertreter zu bezweifeln. Etwa Werner Kerschbaum, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes.

Plätze in nächsten Tagen nötig

"Sollten in den kommenden Tagen nicht viele zusätzliche Wohnplätze in neuen, behelfsmäßigen Quartieren gefunden werden – etwa in Schulen, Internaten, Containern, Zelten –, so ist ein weiteres Obdachlosigkeitsszenario zu befürchten", sagt Kerschbaum im STANDARD-Gespräch. Das Rote Kreuz als größte humanitäre Hilfsorganisation des Landes sei in die Suche nach derlei Übergangsquartieren bisher nicht systematisch involviert.

Zu zusätzlichen Quartierproblemen könnte der ab Mittwoch im Lager Traiskirchen geltende, vom Land Niederösterreich aus hygienischen Gründen beschlossene Aufnahmestopp führen. Tatsächlich ist bis dato unklar, inwiefern dort dann überhaupt noch Asylwerber einziehen dürfen. Das wird erst dem Bescheid der Bezirkshauptmannschaft zu entnehmen sein, der für Montag erwartet wird.

Frage der Reserven

Laut Innenministerium ist man auf alle Eventualitäten vorbereitet: "Neu in Traiskirchen ankommende Flüchtlinge werden ab Mittwoch in andere Bundes- und in die Verteilerquartiere gebracht. Dort gibt es gewisse Platzreserven", sagt Ministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck. Wie groß diese Reserven sind, wusste er am Sonntag nicht: "Die aktuellen Zahlen werden erst am Montag erhoben."

Sollten nur wenige freie Plätze zur Verfügung stehen, könnte es auch im Umfeld der (neben dem Lager Traiskirchen selbst) fünf weiteren Verteilerquartiere obdachlose Flüchtlinge geben, warnen NGO-Vertreter.

Leichte Entspannung in Traiskirchen

Im Lager Traiskirchen selbst kam es zuletzt zu einer leichten Entspannung. Am Freitag konnten rund 400 Asylwerber in die Länder verlegt werden, sodass sich im Lager nun rund 3.900 Menschen aufhalten. Insgesamt könnten Länderübernahmen, wie sie bisher stattfinden, den täglich anfallenden Zusatzbedarf an Quartieren jedoch nicht decken, rechnet Rotes-Kreuz-Geschäftsführer Kerschbaum vor.

Angesichts der zu erwartenden rund 80.000 Asylanträge im laufenden Jahr werde man in Österreich bis Jahresende 20.000 bis 25.000 zusätzliche Quartierplätze finden müssen.

Dazu brauche es eine Kraftanstrengung, bei der alle Gebietskörperschaften mitwirken: "Um das etwa im Rahmen der geplanten Single Points of Contact zu ermöglichen, muss der Bund auf die Länder zugehen. Sonst wird von dort blockiert", sagt Kerschbaum. In den kommenden Tagen und Wochen werde sich die Lage nicht bessern, fürchten NGO-Vertreter. (Irene Brickner, 2.8.2015)

  • Ein Flüchtling in einem selbstgebauten Notzelt in Traiskirchen: Die Quartierkrise sei trotz anderslautender Ankündigungen noch lange nicht zu Ende, warnen NGO-Vertreter.
    foto: aps

    Ein Flüchtling in einem selbstgebauten Notzelt in Traiskirchen: Die Quartierkrise sei trotz anderslautender Ankündigungen noch lange nicht zu Ende, warnen NGO-Vertreter.

Share if you care.