"Die Komödie der Irrungen": Zirkus-Slapstick mit Zwillingsbrüdern

2. August 2015, 18:18
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Mit seiner Inszenierung von Shakespeares "Comedy of Errors" bei den Salzburger Festspielen empfiehlt sich Henry Mason für die Musicalbühne: ein Gaudium ohne Feinheiten auf der Perner-Insel

Hallein – Dass zwei Menschen völlig gleichen Aussehens auf die Welt kommen können, ist ein riesengroßer Glücksfall für den Sektor der Verwechslungskomödie. Der römische Dichter Plautus hat davon profitiert wie auch Johann Nestroy (Der Färber und sein Zwillingsbruder) oder Erich Kästner (Das doppelte Lottchen).

Auf Plautus' Stück Menaechmi stützt sich Shakespeare in seiner Comedy of Errors, die am Samstag in einer Neuübersetzung und Inszenierung von Henry Mason Premiere auf der Perner-Insel in Hallein hatte. Der halbe Brite (seine andere Hälfte ist Neuseeländer) feierte 2013 mit dem Sommernachtstraum sein Salzburg-Debüt.

In der Komödie der Irrungen trifft ein im Kindesalter voneinander getrenntes Zwillingspaar samt seinen ebenfalls als Zwillinge geborenen Dienern nach Jahren unverhofft wieder aufeinander. Sie haben da das schöne Alter von 33 Jahren erreicht und ziehen eine Spur arger Missverständnisse hinter sich her.

Unentwegt wird der eine Antipholus (Thomas Wodianka) für den anderen gehalten: wird dort vor die Tür gesetzt, wo eigentlich sein Zuhause ist, wird von unbekannten Passanten aufs Herzlichste gegrüßt, wird von seiner Ehefrau Adriana (Meike Droste) zum Essen gerufen, obwohl er gewiss nicht verheiratet ist. Den beiden Dienern (toll: Florian Teichtmeister) ergeht es ähnlich.

Ephesus, der Schauplatz des reizvollen Verwirrspiels, ist bei den Salzburger Festspielen eine von trübem Wasser umspülte Holzinsel. Michaela Mandels üppiges Bühnenbild deutet aber auch an, dass dieses Eiland ebenso gut eine Zirkusmanege sein könnte mit zwei in den Schnürboden aufragenden Zeltmasten.

Spritzige Sache

Das Publikum in der ersten Reihe bekam Schutzfolien ausgehändigt, da es im Verlauf der Zweieinviertelstunden spritzig wurde. Mehr wegen des Wassers als der inszenatorischen Finesse. Auf dem Trockenen saß nur die Band, die die eingestreuten Gesangsnummern begleitete (musikalische Leitung: Patrick Lammer). Henry Mason ließ sich auf eine Art Shakespeare-Musical ein, das er mit gut abgehangenen Slapstick-Stilmitteln gefällig vorantrieb. Handwerklich solide folgt auf den Fußtritt des Herrn in den Allerwertesten des Dieners der Rumms auf dem Schlagzeug.

Fliegen Eiswürfel durch die Luft, pfeift ebenso irgendein Instrument. Von einem hoch aufgetürmten Sesselberg winken Menschen von Zeit zu Zeit balancierend herunter auf die Bühnenmitte; wackelig ist auch jeder Auftritt über einen Steg aus lose aneinandergereiht im Wasser stehenden Tischen und Bänken. Dass hier irgendwann ein Polizist (Reinhold G. Moritz) betrunken hineinfällt und durch eine unglückliche Fügung dabei einen Stromschlag abkriegt, war zu erwarten.

Überraschungen bot diese altbackene Inszenierung keine. Die Figuren posieren in ihren märchenhaften Kleidern von Jan Meier (Petticoat, Leopardenoverall usw.) und werden in ihren großen Gebärden zu puppenhaften Wesen. Vor allem aber bedient sich die Inszenierung einer reichlich abgegriffenen Musicalästhetik, die das Spiel selbst grob macht und über das seichte Gaudium nicht hinausweist. Für ein hochsubventioniertes Elitefestival ist das zu wenig. Diese Irrungen wären hingegen im Programm der Vereinigten Bühnen Wien gut aufgehoben.

Am meisten Arbeit investierte Mason wohl in den Text. Wenn etwa Adriana ihrem Gatten Antipholus in der Baudissin-Übersetzung zuschmachtet: "Ihr Männer seid der Stamm, die Reben wir", so klingt das bei Mason schon zeitgemäßer: "Du bist die Ulme, ich der wilde Wein". Das Festspielpublikum war am Premierenabend entzückt. (Margarete Affenzeller, 2.8.2015)

  • Zum Glück ist das eine Latextür: Der Diener Dromio (quer) muss als  Rammbock herhalten für seinen Herrn Antipholus (blauer Anzug), der bei  sich zu Hause irrtümlich keinen Einlass mehr findet.
    foto: barbara gindl / apa

    Zum Glück ist das eine Latextür: Der Diener Dromio (quer) muss als Rammbock herhalten für seinen Herrn Antipholus (blauer Anzug), der bei sich zu Hause irrtümlich keinen Einlass mehr findet.

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