Klaus Wallas: "Nach einer gewissen Zeit tut es nicht mehr weh"

3. August 2015, 08:00
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Der Salzburger Judoka gehörte der Weltklasse an, war als Catcher Hassobjekt oder Held

Linz – "Ich hab 136 Kilo, nicht zu übersehen." Tatsächlich, Klaus Wallas ist nicht zu übersehen am Treffpunkt, obwohl ihn heute, da er 62 Jahre alt ist, nicht mehr die langen Haare zieren, "die ich eigentlich immer gehabt habe". Wallas ist der mächtige Mann, den man sich erwarten darf, wenn man einen ehemaligen olympischen Schwergewichtsjudoka und Proficatcher, eine Szenegröße trifft.

Man vermeint eine Ähnlichkeit mit dem Schauspieler John Goodman zu erkennen, aber Wallas wirkt bei aller Masse behänder, ja graziler. Und gar nicht einverstanden ist er, wenn Andrea, seine Partnerin seit 21 Jahren, sagt, dass er eher etwas von Gérard Depardieu habe. "Ah, der Dicke", brummt Wallas.

Er hat in seine Villa ob Linz geladen, auf der großzügigen Terrasse mit Blick auf den Pöstlingberg sagt er mit Bestimmtheit, dass er wenig anders machen würde, hätte er die Gelegenheit. Klaus Wallas ist zufrieden mit dem weiten Weg, den er zurückgelegt hat, der ihn aber nicht so weit weg von daheim zur Ruhe kommen ließ.

Faszination Judo

Wallas stammt aus Saalfelden am Steinernen Meer, aus dem Pinzgau, sein Zuhause war eine Landwirtschaft mit Sägewerk, die Ehe der Eltern ging in die Brüche, da war er noch klein. Er hat fünf Halbgeschwister, die er zum Teil erst vor wenigen Jahren via Facebook kennenlernte. "Aber ich hatte eine gute Kindheit." Wobei, wie ein Kind wirkte er wohl nicht lange.

Judo hat ihn fasziniert, aber erst als Hauptschüler begann er im lokalen Kleinverein zu trainieren, auch ein wenig Karate, "ich bin jeden Tag viele Kilometer zu Fuß hingegangen". Nach nur einem Jahr gehörte Wallas dem Jugendnationalteam an. Auf der Suche nach geeigneten Trainingspartnern pendelte der gelernte Drogist nach Salzburg aus, fand dort aber keine Arbeit und landete schließlich in Linz, beim ATSV Passage, wie der Verein nach seinem Sponsor, einem Kaufhaus, heißt. "Mein Zimmer war ein kleines Loch, meine Großmutter hat mich unterstützt, aber mein erstes Auto war ein Porsche."

Wallas war in seiner Klasse bald Österreichs Bester, sammelte Meistertitel. Er trug 1972 das olympische Feuer auf dessen Weg nach München, "zwei Kilometer in Salzburg", war aber für die Spiele selbst, obzwar regierender Meister, nicht qualifiziert. Das war Eduard Aellig, "er war ein Guter, das war in Ordnung".

Neben dem Pum-Hans

Wallas kam mit seinem besten Freund und Sportkollegen, dem Leichtgewichtler Erich Pointner, nach Wien, zur noch nicht lange zuvor gegründeten Heeressport- und Nahkampfschule (HSNS). "Das nächste Bett in meinem Zimmer hat der Pum-Hans gehabt." Im Unterschied zum heutigen Skiverbandssportdirektor war Wallas aber tatsächlich ein Spitzensportler, mit Pointner zusammen "der beste, den sie damals in der HSNS hatten".

Wallas und Pointner wurden nicht dementsprechend behandelt, das Training entsprach nicht den Vorstellungen, "ich bin immer schlechter geworden". Einem Vorgesetzten drohte Wallas mit Schlägen, ein nicht genehmigtes Fernsehinterview brachte dann das Fass zum Überlaufen. Wallas und Pointner wurden unehrenhaft entlassen. "Kaum war ich weg vom Heer, bin ich wieder Meister geworden."

Und auch international war der Judoka Wallas kaum zu stoppen. Im Vorfeld von Olympia 1976 in Montreal gewann er nahezu alle relevanten Turniere. Zwei Monate vor den Spielen stach er sich aber beim Auslösen eines Fleischknochens mit dem Messer in den rechten Oberschenkel. Er wurde operiert, "aber ohne Narkose, aus Dopingangst".

Aus Wallas, dem Medaillenfavoriten, wird Wallas, der zwar nicht trainieren kann, aber unbedingt dabei sein will in Kanada. Es gelingt, Wallas schlägt sich sogar respektabel, wird schließlich Siebenter. Der mächtige Judopräsident Kurt Kucera beschimpfte ihn dennoch als "Schande der Nation". "Da war es aus für mich. Ich habe meine Jugend hergegeben und musste mich von so einem Dodel beschimpfen lassen." Wallas beendete seine Karriere umgehend, mit nur 23 Jahren.

In der Kuhstallbar

Er wollte Geld verdienen und eröffnete "mit eigentlich nichts" und Freund Pointner eine Disco in Linz, die "Kuhstallbar". Das Geschäft, etwas blauäugig betrieben, brummte. Probleme mit den Behörden, mit der Finanz, bügelten lokale Politiker, die sich einst gerne mit dem Sportler Wallas zeigten. Der ließ sich vom Olympiaringer Eugen Wiesberger, der in Linz Catcherturniere veranstaltete, zum einschlägigen Training überreden.

Wallas lag die Ringerei nicht fern, noch als Judoka war er eine Attraktion beim Ranggeln, einer populären alpenländischen Variante. "Ich war dort der Abnormale mit meinen langen Haaren. Und gegen meine Technik haben die Bauernburschen wenig ausrichten können." Als Judoka Amateur reinsten Wassers – "bei Olympia haben wir vom Verband 30 Farbfilme zum Fotografieren und 50 Dollar Taschengeld bekommen" – verdiente Wallas beim Ranggeln gut, "1.000 Schilling für den Ersten".

Mehr war für den Catcher Wallas zu holen. Er begann in Hamburg, rang schließlich jedes Jahr auch in Wien auf dem legendären Heumarkt. Je nach Anforderung und Ort gab er den Bösen oder den Helden, Liebling der Frauen war Wallas so oder so. Ein spitzfederiger Journalist schrieb ihm den Namen Susi zu – in der Menge tobten sich die Homophoben aus. Wallas sah sich als "Bühnenschauspieler. Im Ring muss alles passen, man muss gewinnen, aber vor allem das Publikum zufriedenstellen. Und nach einer gewissen Zeit tut es nicht mehr weh."

Aufmüpfen

Bei aller choreografierten Brutalität, trotz Blut und Brüchen, die eigentlichen Rivalitäten der Catcher wurden in den Kabinen ausgetragen, "vor Publikum hatte das nichts zu suchen". Wallas wusste sich zu behaupten, auch im ständigen Ringen mit Veranstaltern wie Otto Wanz, denen Mündige und Aufmüpfige wie Wallas nicht ins Konzept passten. "Der Wanz", sagt Wallas, "war als Ringer nichts wert. Aber er war clever, der beste Verkäufer und Weltklasse in der Pressebetreuung." Dennoch sagt Wallas, dass das Geschäft in Österreich von Wanz "hingerichtet" worden sei: "Der Sport lebt von Veränderungen. Das hat Wanz nicht erkannt."

Die Catcher reisten in Wohnwagen umher, logierten auf Campingplätzen, Wallas, inzwischen verheiratet und Vater einer heute 35-jährigen Tochter, war mit seinem Dobermann Dagobert und legendären Typen wie Klaus Kauroff, dem Staatenlosen, Fit Finlay oder Eddy Steinblock unterwegs. "Es war eine schöne Zeit."

Einträgliche Zeiten und "Kopfnuss Oskar"

Und eine einträgliche: "Im Monat waren 50.000 Schilling drinnen." Und wenn man zur ersten Garnitur gehörte, waren auch Auslandsengagements möglich. Wallas gastierte in Japan, kämpfte in einem Team mit dem legendären Antonio Inoki, der über seine Zunft hinaus durch einen eher peinlichen Showkampf gegen Muhammad Ali bekannt wurde.

Gegen Wallas' Verdienst nahmen sich jene 70 Schilling, die ihm für jeden Tag einer zu Unrecht verbüßten, zweiwöchigen Untersuchungshaft zugestanden wären, zu bescheiden aus, als dass er sie angenommen hätte. Wallas, der in Lokale in Linz investierte, spielte Karten, würfelte, "aber ich war nicht süchtig". Es gab andere Begleiterscheinungen: "Wo gespielt wird, kommt der Ruaß daher." Eher ein Freund war der Bremer Lokalbesitzer Oskar Schön. Monate nach dessen Verschwinden wurde Wallas des Mordes an "Kopfnuss Oskar" bezichtigt. Wallas hat ihn nur als Vorletzter lebend gesehen, "aber man kann ja relativ schnell etwas angehängt bekommen".

Die ordnende Hand

Diese Lebensweisheit trifft nicht auf alle Vorstrafen zu. Einige verdiente sich Wallas als Lokalbesitzer in der Linzer Innenstadt mit, nun ja, ordnender Hand. Dass er der Polizei auch viel Arbeit abnahm, wollten nicht alle Richter würdigen. Inzwischen ist Wallas kein Lokalbesitzer mehr, nützt aber seine Konzession für Geschäftspartner. Und er ist nach einem Herzinfarkt seit zehn Jahren Nichtraucher. Sonst plagen ihn kaum Gebrechen, auch weil er nie den Praktiken verfiel, die vor allem im US-Wrestling üblich sind. Mit diesen Muskelbergen voll Anabolika und Hormonen, im Schatten von Hulk Hogan, seien "die fettleibigen Catcher aus der Mode" gekommen.

Mit Andrea, der Tochter des einstigen Missenmachers Erich Reindl, hat Wallas zwanzigjährige Zwillingssöhne. Er sitzt zufrieden auf seiner großzügigen Terrasse. Mehr Bewegung wäre nicht schlecht, sagt der nicht zu übersehende Berg von einem Mann. (Sigi Lützow, 3.8.2015)

  • Die verglaste Bar in der Villa ob Linz ist eine Erinnerung an die manchmal rauen Zeiten, als Klaus Wallas Lokale besaß. Die Zigaretten waren seine einzige Sucht, aber ein Herzinfarkt hat sie ihm vor zehn Jahren abgewöhnt.
    foto: lützow

    Die verglaste Bar in der Villa ob Linz ist eine Erinnerung an die manchmal rauen Zeiten, als Klaus Wallas Lokale besaß. Die Zigaretten waren seine einzige Sucht, aber ein Herzinfarkt hat sie ihm vor zehn Jahren abgewöhnt.

  • Klaus Wallas hatte als Catcher immer alles im Griff. Schließlich war er jahrelang auch Europameister.
    foto: imagno / didi sattmann

    Klaus Wallas hatte als Catcher immer alles im Griff. Schließlich war er jahrelang auch Europameister.

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