"Norma": Nicht weniger als ein Wunder

3. August 2015, 09:14
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Vincenzo Bellinis Oper mit Cecilia Bartoli als Wiederaufnahme bei den Salzburger Festspielen

Salzburg – Wiederaufnahmen? Für Ex-Intendant Alexander Pereira waren sie nicht nur unter seiner, sondern auch unter der Würde der Salzburger Festspiele. Und jetzt die Wiederaufnahme von Bellinis Norma im Haus für Mozart: eine Kostbarkeit, ein Geschenk.

Es war schon die Ur-Premiere, trotz kleiner Überspanntheiten in der Personenführung von Moshe Leiser und Patrice Caurier, 2013 bei den Pfingstfestspielen ein Meilenstein in der Aufführungsgeschichte der Norma. Cecilia Bartoli, künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele, hatte eine Neuausgabe des Notentextes angeregt und so eine neue Sicht auf das Werk eröffnet. Als Übernahme kam diese Norma dann auch im Sommer 2013 heraus. Und nun zeigt sich bei den aktuellen Festspielen erst so recht, welch kostbare Früchte zu ernten sind, wenn eine Produktion und ein unverändertes Ensemble über längere Zeit aneinander reifen dürfen.

Norma spielt in der Regie von Leiser und Caurier nicht im gallischen Wald, sondern in einem Schulhaus in einem vom Feind besetzten Land. Dieses erinnert wohl an Frankreich und die Résistance im Zweiten Weltkrieg, könnte aber in jedem Kriegsgebiet dieser Erde liegen. Der Oberflächenkonflikt zwischen Religionen und Kulturen – Gallier vs. Römer – wird vom Opferhain in die Seele verlegt und zugespitzt auf die emotionalen Tiefenkonflikte.

Überirdisches "Casta diva"

Die Charaktere wirken noch profilierter: John Osborn als Pollione ist zu Beginn noch zynischer, am Ende noch bemitleidenswerter: Sein "Sublime Donna" schneidet ins Herz. Rebeca Olvera als Novizin Adalgisa ist erwachsen geworden, lässt sich bewusst ein auf die gefährliche Liebschaft mit dem "Feind" und stellt sich – angesichts seines doppelten Spiels – loyal an Normas Seite.

Und Cecilia Bartoli in der Titelrolle? Sie ist das Zentrum der Aufführung. Ihr Spiel ist innig, zurückhaltend bis auf einige effektvolle Ausbrüche von Hass und Verzweiflung. Die Götter hat sie betrogen? Die Arie Casta diva, überirdisch in der federleichten Tongebung, zeugt gestisch durchaus von Unbehagen. Aber dass sie als Priesterin ihr Volk – trotz aller bisherigen Beschwichtigungsversuche – aus verletzter Eitelkeit nun doch in den aussichtslosen Kampf gegen den Feind hetzt: Das ist die wahre Schuld dieser Norma. Die Intensität dieser Passagen grenzt an Autoaggression.

Souverän sind Michele Pertusi als Oroveso, Liliana Nikiteanu als Kinderfrau Clotilde und Reinaldo Macias in der nur kleinen Rolle des Flavio. Der Chor von Radiotelevisione Svizzera aus Lugano ist ein kongenialer Partner.

Die sängerischen und darstellerischen Leistungen dieses Abends werden nur noch überstrahlt vom Glanz der Wunder im Zusammenspiel mit dem Orchestra La Scintilla der Oper Zürich unter der Leitung von Giovanni Antonini.

Eine Spur getragener ist die Interpretation geworden. Freier und in größeren Bögen atmend fließt die Musik. Ob sie nun in der Kantilene mit den Sängern strömt oder mit emotionaler Urgewalt daherschießt: Immer ist Luft und Raum für delikate Instrumentalsoli – Klarinette, Flöte, Fagott – in denen die Zeit stillstehen darf. Sage keiner mehr etwas gegen Wiederaufnahmen! (Heidemarie Klabacher, 3.8.2015)

  • Adalgisa, Priesterin im Tempel der Irminsul (Rebeca Olvera, re.) und die  Titelheldin (Cecilia Bartoli) in Vincenzo Bellinis "Norma" bei den  Salzburger Festspielen.
    foto: hans jörg michel

    Adalgisa, Priesterin im Tempel der Irminsul (Rebeca Olvera, re.) und die Titelheldin (Cecilia Bartoli) in Vincenzo Bellinis "Norma" bei den Salzburger Festspielen.

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