Impulstanz: In den Mühlen der Feste und Institutionskritik

3. August 2015, 07:00
1 Posting

Stücke von Miguel Gutierrez, Mårten Spångberg und Claudia Bosse kamen im Mumok zur Aufführung

Wien – Der New Yorker Choreograf, Tänzer und Performer Miguel Gutierrez hat einen sehr schönen Grant zu Impulstanz ins Mumok mitgebracht. Sein Act Fuckmegunterbrusguntermefuck ist Teil des gemeinsamen Projekts der beiden Institutionen, Redefining Action(ism).

Gutierrez macht es ehrlich. Eigentlich, sagt er in der Performance, wollte er unbedingt sein neues Stück beim Festival zeigen. Doch Impulstanz fand keine Antwort auf seine Anfrage. Es folgt eine ordentliche Institutionskritik. Im Hintergrund läuft ein Video von dem verschmähten Duett. Daneben eine Projektion vom Bildschirm eines Computers, den ein junger Mann bedient. Mehrere einander überlappende Fenster sind geöffnet. Einige davon zeigen Pornos.

Der junge Mann bekommt dann einen Blowjob verpasst. Da hat Gutierrez bereits erzählt, dass er schon 2004 im Mumok eine Aktionismusausstellung gesehen hat und sich darin für Günter Brus begeisterte. Der Choreograf platziert seine Arbeit in der Ausstellung Mein Körper ist das Ereignis dort, wo Brus' Film von der Aktion Strangulation (1968) zu sehen ist. Auch die Pornos vom Computer haben zum Teil mit Fesselungsspielen zu tun.

So kommen gleich mehrere Themen auf den Tisch: das der Kränkung im Tanzbusiness, der Veranstaltertrend, an Künstler Auftragswerke zu vergeben, das Abdriften eines Teils des Tanzes ins Pornografische und schließlich die Probleme von Gegenwartsperformern mit den Kräften der Avantgarde von einst.

Wie Ivo Dimchev führt auch Gutierrez Porno mit Markt zusammen – eine immer noch aktuelle Diskussion. Und wie Dimchev in seinem Stück Fest von 2013 nutzt auch er den Kick des Expliziten und macht einen Akt der Selbstpromotion daraus. Das ist Marktkritik als Marketingstrategie.

Hüpfdohlen-Dorado

Clever ist auch der schwedische Allround-Künstler-Kurator Mårten Spångberg, der für seine Arbeit The Planet, first edition in den Hofstallungen des Museumsquartiers eine Gruppe junger Tänzerinnen und Tänzer zu einem Happy Dancing animiert: ein künstlich fröhliches Hüpfdohlen-Dorado mit Bier, lauter Karaokemusik, viel Geschrei und Gejubel. Es macht den Eindruck eines geprobten Sponti-Showcase, in dem die jungen Leute ihre Tanzschwächen darbieten dürfen, ohne sich dafür genieren zu müssen. Auf dem Titelfoto des Abendprogramms ist denn passend eine Neonschrift zu erkennen: "Realism". Sie stammt von der Restaurant-Bar Le Realism – Typ Kunst und Küche – in Brüssel.

Unschuldige Tanzleutchen

Spångberg stellt so die offenbar recht unschuldigen Tanzleutchen ganz realistisch als solche hin. Damit verweist er, gewollt oder nicht, auch darauf, dass sich vor allem der junge Tanz gerade von seiner Diskurshaftigkeit abkoppelt und in Richtung Feel Good und Party verabschiedet. Das ist mit Bezug auf die Realität der Welt von heute ein bisschen traurig.

Schade auch, dass die Schauspielerin Alexandra Sommerfeld nur einmal in Claudia Bosses Performance Zock im Haupthof des Museumsquartiers zu sehen war. Erst in blauem Arbeitsoverall, dann ohne, tauchte Sommerfeld monologisch in Peter Weibels Manifest Zock Outset ein. Ebendieses konnte 1967 bei dem von einem Polizeieinsatz abgebrochenen aktionistischen "Zockfest" im Wiener Gasthaus Grünes Tor nicht mehr verlesen werden.

Sommerfeld staubte Otto-Muehlisch mit einer Packung Clever-Mehl, goss Nitsch-rote Flüssigkeit über ihren Körper und versenkte sich in den "Burggraben" an der Mumok-Front. Besser hätte die Relevanz der aktionistischen Politinhalte für die Gegenwart kaum dargestellt werden können. (Helmut Ploebst, 3.8.2015)

Weitere Termine: Gutierrez 4.-6. 8.; Spångberg 5. 8.

Link:

Impulstanz

  • Führt Porno mit Markt zusammen: Miguel  Gutierrez.
    foto: gutierrez, impulstanz

    Führt Porno mit Markt zusammen: Miguel Gutierrez.

Share if you care.