"La Strada": Die süßen und bitteren Zutaten des Lebens

2. August 2015, 16:51
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Ein herzerwärmender Mix aus Cirque Nouveau und Nouvelle Cuisine der Seven Fingers aus Kanada eröffnete das Festival am Freitag

Graz – Das Leben spielt sich in der Küche ab. Das echte Leben. Jenes, in dem einem die Oma nicht nur erklärt, wie sie ihren Kuchen macht, sondern wann und wo und für wen sie ihn erstmals buk. Jenes, wo man sich spät nachts um den Küchentisch herum Geschichten erzählt, mit denen man sonst hinterm Berg hält. Vielleicht bei einem Stück Kuchen nach Omas Rezept oder bei aufgewärmter Pasta.

Die Küche als geschützter Ort der Geständnisse und Erinnerungen, als Ort, an dem man die Zutaten der eigenen Biografie in vertrauter Umgebung analysieren kann: Das ist das Setting für die Produktion Cuisine & Confessions der kanadischen Truppe Les 7 Doigts De La Main (The 7 Fingers), die am Freitagabend das Festival La Strada in der Grazer Oper eröffnete. Die multikulturelle Truppe, die in Montreal residiert und ihre Texte auf Spanisch, Französisch, Russisch, meist aber Englisch spricht, war nicht zum ersten Mal in der Stadt.

les 7 doigts de la main

Beim Festival für Straßen- und Figurentheater, Neuen Zirkus (Cirque Nouveau) und Community-Art sind die gefeierten Cirque-Nouveau-Artisten mit ihrem atemberaubenden und poetischen Stil schon fast so etwas wie Fixstarter. Sie begrüßen das Publikum mit ihrem speziellen Humor: Handys könne man anlassen, und falls der Sitznachbar zu brennen beginnen sollte: nicht in Panik verfallen und nicht angreifen, denn Feuer ist ansteckend.

foto: milatovic, la strada

Dann erzählen die zehn Artisten aus ihren eigenen Biografien, kochen dabei Pasta wie bei der Mama einer italienischen Einwandererfamilie und backen Banana-Bread, dessen süßer Duft in keiner kanadischen Kindheit fehlen dürfte. Das wäre für viele genug Multitasking für den Abend: nicht so für die "Sieben Finger". Diese wirbeln dabei noch ganz nebenbei und mit vollkommener Eleganz durch die Lüfte, schlagen Salti, kneten sich um Stangen oder lassen sich aus Tüchern aus dem Schnürboden des Opernhauses fallen. Ohne Trommelwirbel. Man will schließlich die anderen nicht beim Kochen stören.

Letzte Mahlzeit

Alle kommen einmal dran, um ihre Geschichte zu erzählen. Viele sind schön, viele lustig, manche auch traurig: Einer erinnert sich an den runden Tisch, um den herum seine Familie ihre Essen einnahm und den er und sein Bruder beim Fangenspielen umrundeten.

foto: foto: milatovic, la strada

Ein anderer stellt sich vor, wie es gewesen wäre, hätte sein Vater seine letzte Mahlzeit mit der Familie verbringen können – und nicht in einem argentinischen Gefängnis. Er wurde als linker Intellektueller von der Militärdiktatur getötet, als der Sohn ein Baby war. Eine Kollegin der beiden krabbelt mit dem Bauch nach oben blitzschnell und mit einem irren Lachen wie eine gruselige Spinnenfrau durch den Raum, während ein anderer einer Frau aus dem Publikum seine Liebe gesteht. Dazu gibt es Musik mit Anklängen an Klezmer bis Folk und Jazz vom Feinsten.

Genau 36 Minuten vor Schluss wird das Publikum gebeten, sich den Timer auf dem Handy auf 36 Minuten zu stellen. Man will ja nachher kein verbranntes Banana-Bread essen müssen.

Nach dem Startschuss zum Festival durch The 7 Fingers übernahmen dann am Samstag Artisten, Künstler und Theatertruppen aus aller Welt (bis 8. August) wieder die Stadt. So auch Les Clandestines, neun gestandene Frauen aus Frankreich, die sich – unterstützt von zwei Musikern – singend geografische, historische und soziale Felder erobern. Vor einigen Jahren knöpften sie sich bei La Strada – damals alle tiefrot gekleidet – italienische Volks- und Arbeiterlieder vor.

foto: milatovic, la strada
Les Clandestine

Heuer kehren sie, gewandet in Baumwollweiß und Blautöne, die an die Fluten des Mississippi erinnern, zurück. Mit Liedgut aus dem Mississippidelta, Louisiana, Virginia und Tennessee erzählen sie im Lend-Viertel in ihrer Performance im öffentlichen Raum von Vertreibung und Unterdrückung. Rau, wild und authentisch. (Colette M. Schmidt, 2.8.2015)

  • Eine Küche als theatraler Setzkasten  der Erinnerungen, aus denen man die eigene Biografie gebacken bekommt:  The 7 Fingers überzeugten mit ihrer poetischen Nabelschau zwischen Herd  und Akrobatik.
    foto: nikola milatovic / la stradab

    Eine Küche als theatraler Setzkasten der Erinnerungen, aus denen man die eigene Biografie gebacken bekommt: The 7 Fingers überzeugten mit ihrer poetischen Nabelschau zwischen Herd und Akrobatik.

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