Olympia: "Es sind doch einfache Spiele"

Kommentar der anderen2. August 2015, 16:27
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Die Olympischen Winterspiele 2022 gingen an Peking. Unter welchen Voraussetzungen könnte eine österreichische Bewerbung für 2026 erfolgreich sein?

Als während der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele 1976 in Innsbruck vorübergehend der Ton ausfiel, oblag es dem damaligen Unterrichtsminister und Präsidenten des Organisationskomitees Fred Sinowatz, Schlagfertigkeit zu beweisen: "Es sind doch einfache Spiele." Nur drei Jahre zuvor hatte der langjährige Innsbrucker Bürgermeister Alois Lugger dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) angeboten, für Denver einzuspringen. Lugger versprach, aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit "einfache Spiele", jedoch mit der Erfahrung der zuvor bereits 1964 in Innsbruck ausgetragenen Winterspiele alle vorgesehenen Disziplinen auszutragen.

Im Grunde propagiert die von IOC-Präsident Thomas Bach auf den Weg gebrachte Olympic Agenda 2020 so etwas wie einfache Olympische Spiele, jedenfalls soll "Gigantismus" wie bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi mit seinen exzessiven Budgets – sowohl für die Spiele selbst als auch die Infrastruktur – künftig vermieden werden. Allen offiziellen Beteuerungen zum Trotz konterkariert Peking diese Bestrebungen ganz offensichtlich.

Einfache Spiele als Leitmotiv

Taugt die Vision "einfacher Spiele" vor diesem Hintergrund als Leitmotiv für eine österreichische Bewerbung für die Winterspiele 2026, und unter welchen Voraussetzungen könnte eine solche erfolgreich sein? Einfache Spiele 2026 können natürlich nicht mit jenen vor fünfzig Jahren verglichen werden. Die Anzahl der Athletinnen und Athleten sowie der Medaillenbewerbe werden sich gut und gern verdreifacht haben. Vor allem aber ist der Aufwand für Sicherheit und Medien enorm angestiegen.

Einfache Spiele müssen den Mut haben, Unnötiges wegzulassen und sich dabei am Kern der olympischen Idee – eben am Essenziellen – zu orientieren. Die "persönlich bestmögliche Leistung unter fairen Bedingungen zu erbringen" trifft es weit besser als "dabei sein ist alles" oder gar "the winner takes it all". Die Existenzberechtigung der Olympischen Spiele ist, dass im Unterschied zu praktisch allen anderen gesellschaftlichen Bereichen Leistung und Fairplay im olympischen Sport gleichgestellte Werte sind, ja einander geradezu bedingen – so weit das Ideal. Einen Olympiasieg kann man nicht kaufen.

Leistung und Fairplay

Die praktischen Implikationen dieser Haltung reichen von der Art der Inszenierung an den Sportstätten und in den Medien über eine starke Verbindung mit dem Nachwuchssport bis hin zu Anti-Doping-Maßnahmen. Unvergessen ist, wie bei den Olympischen Winterspielen 1994 im norwegischen Lillehammer das wintersportbegeisterte und fachkundige Publikum im Wald campierte, um die Langlaufbewerbe aus nächster Nähe zu verfolgen.

Von Österreich wird international erwartet, Olympische Winterspiele tadellos zu organisieren. Das "Produkt" gleichzeitig erneuern zu wollen kann angesichts der Größe und Komplexität des Vorhabens und der Gefahr, sich auf der Weltbühne zu blamieren, leicht als naiv abgetan werden. Sich konsequent an Leitwerten des Spitzensports zu orientieren und gleichzeitig ökologisch, sozial und wirtschaftlich verträglich zu handeln ist eine riesige Herausforderung. Eine österreichische Bewerbung muss sich diesen vermeintlichen Fleißaufgaben stellen.

Jüngeres und auch weibliches Publikum

Als potenzieller Veranstalter die Beziehung mit dem IOC neu verhandeln zu wollen – nichts anderes wäre bei einfachen Spielen erforderlich – schien bis vor kurzem unmöglich. Aber gerade Olympischen Winterspielen würde es guttun, sich einem jüngeren und auch weiblichen Publikum zu öffnen. Die fantastischen sportlichen Leistungen greifbar zu machen, die Persönlichkeiten der Athletinnen und Athleten in den Mittelpunkt zu stellen verlangt vor allem auch, medial neue Wege zu gehen.

Olympische Winterspiele erfordern allein schon aufgrund ihrer volkswirtschaftlichen Dimension einen nationalen Schulterschluss. Formal gesehen ist immer eine Stadt Vertragspartner des IOC, allerdings sind im Zuge der Bewerbung weitreichende staatliche Garantien erforderlich. Profilierte europäische Bewerber für die Olympischen Winterspiele 2022 wie Graubünden mit St. Moritz, München oder Oslo waren noch vor der Abstimmung des IOC an negativen Volksentscheiden bzw. im politischen Prozess gescheitert.

Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern

Das IOC wird wohl seine Rahmenbedingungen anpassen, aber in demokratischen Gesellschaften führt kein Weg an der öffentlichen Auseinandersetzung, am Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern vorbei. Letztlich geht es darum, welche Art Olympische Winterspiele in Österreich stattfinden und was sie bewirken sollen. (Markus Redl, 2.8.2015)

Markus Redl (41) ist Geschäftsführer der Bergbahnen-Beteiligungsgesellschaft des Landes Niederösterreich und leitete 2008 die erfolgreiche österreichische Bewerbung für die 1st Winter Youth Olympic Games.

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