Zurück in die Zukunft

1. August 2015, 17:00
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Das Kind, das 1977 als Flüchtling mit seinen Eltern nach Österreich kam, wurde weder von Behörden noch von Bewohnern des unbekannten Landes schlecht behandelt. Eher im Gegenteil – und sehr im Gegensatz zu heute

Das Mädchen landete in Wien-Schwechat, das Mädchen zerknüllte das verschmierte goldene Mozartkugel-Stanniolpapier in ihren Händen, das Mädchen ging ins Flughafenklo und war von der Schönheit des Interieurs geblendet.

Das Mädchen wurde mit ihren Eltern und vielen anderen in einen Bus verladen, der von Soldaten bewacht wurde. Die Soldaten sprachen ihre Sprache nicht. Das Mädchen sprach die Sprache der Soldaten nicht. Sie konnten nicht miteinander reden, und das Mädchen war nicht sicher, ob sie sich vor ihnen fürchten oder sich freuen sollte, dass jemand da war, um nach dem Rechten zu sehen. Die Reisenden waren gleichzeitig von eigenartiger Euphorie und ganz normaler Angst ergriffen. Niemand von ihnen wusste, wohin es nun ging. Sie hatten alle keinen Pass mehr, und mit dem verschwundenen Pass verschwand auch die alte Identität, die alte Ordnung, das alte Leben.

Unterkunft und Wärme

Man fuhr die Menschen vom Flughafen weg. Später standen sie in einer langen Schlange vor einem kleinen Büro mit abgenutztem Schreibtisch, sie waren erschöpft, hungrig, verzweifelt. Sie erzählten in ermüdenden Wiederholungen ihre Geschichte. Manchmal wurde ihnen nicht geglaubt. Meistens schon. Sie wurden als Kontingentflüchtlinge bezeichnet, kaum einer von ihnen wusste, was damit gemeint war. Wesentlich später wurden sie einer Unterkunft zugeteilt, zwei kleine Zimmer, ein Hundekorb im Foyer. Das Mädchen durfte mit den Welpen spielen. Die Wärme der kleinen Tiere war der größte Trost. Dieses Mädchen war ich. 1977 in Österreich eingetroffen und geblieben. Bis heute.

Wenn ich daran zurückdenke, fällt mir Folgendes auf: Kaum jemand hatte mich damals trotz aller Widrigkeiten wirklich schlecht behandelt. Meine Familie verbrachte nicht einen einzigen Tag und keine einzige Nacht ohne Dach über dem Kopf. Wir froren nicht, wir litten nicht an Hitze. Wir hungerten nicht. Niemand sperrte uns ein. Niemand verdächtigte uns pauschal, dass wir mit einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit lügen und betrügen würden. Wir lernten schnell – manchmal tatsächlich auf der Straße – Menschen kennen, die uns halfen, und viele von ihnen sind enge Freunde geworden – bis heute. Ich erinnere mich daran, wie mir wildfremde Menschen auf dem Flohmarkt Spielzeug schenkten, andere wildfremde Menschen gingen mit mir ins Schwimmbad, ins Theater. Wir waren zwar im freien Fall, aber wir hatten ein Sicherheitsnetz.

Wenn ich heute lesen muss, dass Brände an Asylwerberheimen gelegt werden, dass ein Lehrling unter Fotos von lachenden kleinen Mädchen, die von der freiwilligen Feuerwehr in größter Hitze mit Wasser abgespritzt werden, um sie zu kühlen, "ein Flammenwerfer wäre besser gewesen" geschrieben hat, schnürt sich mein Hals zu, und die Fäuste ballen sich.

Der immerhin schon 17-Jährige hätte also gerne auf mein damaliges Ich, auf andere Kinder, eine tödliche Waffe gerichtet, um Schmerz und Leid hervorzurufen. Nur weil wir nicht im selben Land geboren worden waren. Nur weil er gerne dort nachtreten wollte, wo er keine Gegenwehr vermutete. Nur weil er offensichtlich das (absolut unbegründete, aber gerne als begründet behauptete) Gefühl hatte, "die da" würden mehr bekommen als er selbst. Ich frage mich, was schiefgelaufen ist in unserer Gesellschaft. Die steigende Zahl der Flüchtlinge kann keine Erklärung dafür sein: Österreich hat wesentlich größere Flüchtlingswellen erlebt und besser behandelt.

Dieses Posting und die Situation dazu sind leider sehr symbolisch für derzeitiges Geschehen. Das Mitleid für diesen jungen Mann, der daraufhin seine Lehrstelle verloren hat, will sich in mir sehr in Grenzen halten. Dieser junge Mann wusste, was er tat, und Taten haben Folgen. So ist das. Gut wäre, wenn man ihm eventuell eine Möglichkeit geben würde, begleitet über solche Aussagen und deren Bedeutung zu reflektieren – und ihm, sollte er genügend reflektiert haben, dabei helfen, eine neue Lehrstelle zu bekommen. Er ist mit solchen Meldungen nicht allein. Noch wichtiger aber wäre: Menschen in verantwortungsvollen Positionen sollten dringend ebenfalls darüber reflektieren, was sie vermitteln und von sich geben.

Wo von oben vorgelebt wird, dass man seinen übelsten Gefühlsregungen offen folgen kann, passiert genau das. Wo vermittelt wird, dass Hass, Verleumdung, Erniedrigung und miese Behandlung eh ganz okay, erwünscht und tolerierbar sind, dort erntet man verstärkt die Früchte der Dummheit und Bosheit.

Bestürzend und folgenreich

Wer aber glaubt, mit einer solchen Ernte satt zu werden, der irrt sich: Eine Gesellschaft, die absichtlich gespalten wird, tendiert zu Gewalt und Unberechenbarkeit. Dass eine populistische Partei, die bis auf das Gegeneinander-Ausspielen simpler bis verängstigter Gemüter nichts zu bieten hat, ein solches Programm fährt, ist nicht weiter verwunderlich: Das ist Part of the Game.

Dass aber eine Partei, die die Innenministerin stellt und die sich christlich und sozial nennt, offensichtlich mitmacht, ist so bestürzend wie folgenreich. Erwin Pröll erregt sich über die Hinweise von SOS-Mitmensch, statt handfest zu handeln und das Elend in seinem Bundesland ein wenig zu lindern. "Tötet den Überbringer der schlechten Nachricht" ist nicht die schlaueste aller Lösungen.

In Traiskirchen wurde in der Zwischenzeit Kindern, die in der Nacht Schutz vor dem Regen in umliegenden Gebäuden gesucht haben, der Zutritt zu diesen Gebäuden verweigert. Ich würde gern wissen, wie es den Mitarbeitern so geht, die das umgesetzt haben: kleine Kinder in den Regen zurückzuschicken. Oder Babys ohne Babynahrung unter freiem Himmel in der Hitze liegen zu sehen. Babys und Kinder!

Das ist der Beginn einer Entmenschlichung. Was so beginnt, endet ab und zu mit Armbinden, gelben Sternen und Massenlagern der anderen Art. Ich glaube absolut nicht, dass die Mehrheit der Österreicher boshafte, missgünstige Gierhammel sind, die minderjährigen Kriegsüberlebenden noch die Rucksackspende neiden, wie in Social Media – beispielsweise auf Facebook – öfter beobachtet. Ich gehe davon aus, dass die Österreicher eigentlich hilfsbereit sind und nur ein Anteil sich verhetzen lässt.

Auch Gutes und Schönes

Inmitten trauriger Nachrichten glänzen die schönen in besonderer Intensität: Menschen, die weder NGOs noch professioneller Flüchtlingsbetreuung zugehörig sind, sich aber selbst organisieren und auf eigene Faust helfen.

Menschen, die spüren, dass hier unverzeihlich und untolerierbar eine Grenze überschritten wird. Menschen, die meinen: nicht mit uns. Menschen, die mit Flüchtlingen Deutsch lernen, die Kinder betreuen, die spenden.

Der private Aufruf von Thomas Rottenberg und Christoph Riedl-Daser hat letzte Woche beeindruckend viele Österreicher erreicht, fast 700 Menschen kamen, spendeten, transportierten und verteilten: drei große Lieferwägen plus drei Kombis plus einen Anhänger voll. Sportkleidung, Rucksäcke, Kleinkindutensilien. Dieser Aufruf war nicht der einzige und wird auch gewiss nicht der letzte sein. Das ist das andere Gesicht Österreichs, und es tut gut, es wieder deutlich zu sehen. (Julya Rabinowich, 1.8.2015)

  • Damals: Das ist eines der ersten Fotos  des Flüchtlingskindes Julya in Wien – auf dem Flohmarkt beim Naschmarkt.  Menschen haben ihr Spielzeug geschenkt, sie fühlte sich eigentlich  willkommen.
    foto: privat

    Damals: Das ist eines der ersten Fotos des Flüchtlingskindes Julya in Wien – auf dem Flohmarkt beim Naschmarkt. Menschen haben ihr Spielzeug geschenkt, sie fühlte sich eigentlich willkommen.

  • Heute: Flüchtlinge als "Problemfälle"  in Traiskirchen. Es gibt aber auch Menschen, die spontan helfen – etwa  jene, die bei der Initiative von Thomas Rottenberg und Christoph  Riedl-Daser mitmachten.

    Heute: Flüchtlinge als "Problemfälle" in Traiskirchen. Es gibt aber auch Menschen, die spontan helfen – etwa jene, die bei der Initiative von Thomas Rottenberg und Christoph Riedl-Daser mitmachten.

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