Machtkampf bei den Taliban

Analyse31. Juli 2015, 17:16
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Neuer Chef Mansur will Friedensgespräche mit Kabul, kämpft aber gegen Widerstand im eigenen Lager

Kabul/Islamabad/Neu-Delhi – Nach dem Führungswechsel bei den Taliban wachsen in Afghanistan die Hoffnungen auf Frieden. "Friedensverhandlungen sind wahrscheinlicher als je zuvor", erklärte das Außenministerium in Kabul. Auch die USA sprechen von neuen Chancen. So soll der neue Taliban-Chef Mullah Akhtar Mohammed Mansur Friedensgespräche befürworten – allerdings kämpft er gegen Widerstand im eigenen Lager. Mehrere hochrangige Taliban stellten angeblich seine Wahl zum Nachfolger von Mullah Omar infrage.

Erst 2011 Al-Kaida-Chef Osama bin Laden, nun Omar: Mit dem Tod der beiden "Terrorfürsten", wie Medien sie titulierten, endet eine Ära in der Region. Wie und wann Omar wirklich starb, wird wohl im Dunkeln bleiben. Offiziell erklärten die Taliban, er sei einer Krankheit erlegen. Stimmen muss das nicht. Er könnte auch getötet worden sein. Von den eigenen Leuten, von Pakistan, von Afghanistan, von einer US-Drohne.

Chance für einen Kurswechsel

Omars Tod eröffnet die Chance für einen Kurswechsel: Mansur, der bereits seit Jahren De-facto-Chef war, gilt als Befürworter von Friedensgesprächen und relativ moderater Pragmatiker. Während des Taliban-Regimes war er Minister für Luftfahrt. Nach dem Sturz der Gotteskrieger floh er mit anderen Führern nach Pakistan.

Pakistan soll nun massiven Druck auf seine afghanischen "Gäste" ausüben, mit Kabul über Frieden zu verhandeln, und Mansur war angeblich Islamabads Favorit als Omar-Erbe. "Mansur gilt als Mann Pakistans – deshalb gibt es ernste Differenzen", zitiert die Agentur AFP einen Taliban-Funktionär. Die große Frage ist, ob es Mansur dennoch gelingt, die Taliban hinter sich zu einen. Mullah Omar galt als Klammer, die die Bewegung zusammenhielt.

Gesprächsrunde verschoben

Vor allem die Frage von Friedensgesprächen gerät zur Zerreißprobe. Mehrere Taliban-Funktionäre stellten Mansurs Wahl infrage, berichtete die pakistanische Zeitung "Express Tribune". Dazu gehörten der 26-jährige Sohn Omars und andere Hardliner, die Gespräche mit Kabul ablehnen.

Als Folge der internen Machtkämpfe wurde die für Freitag geplante zweite Gesprächsrunde mit Kabul vertagt. Angeblich versucht die Taliban-Spitze, sich auf einen Kurs zu einigen. Zugleich mühten sich Mansur-Getreue, die Kämpfer auf ihn einzuschwören. Mansur sei ein Vertrauter Omars gewesen, warben sie.

Gefahr der Spaltung

Für Afghanistan wäre es ein Albtraum, sollten die Taliban zersplittern. Präsident Ashraf Ghani braucht einen starken Verhandlungspartner, der die Militanten bewegen kann, die Waffen niederzulegen. Andernfalls wäre ein Friedensdeal nicht das Papier wert, auf dem er steht.

Experten warnen, Afghanistan könnte ein ähnliches Schicksal ereilen wie Syrien, Jemen oder Libyen. Anstelle der Taliban könnten weit radikalere Gruppierungen wie der "Islamische Staat" (IS) erstarken. Am Ende könnte zwar ein offizieller Friede mit den Taliban stehen, aber ein blutiger Dauerkrieg mit dem IS folgen. (Christine Möllhoff, 31.7.2015)

  • Zwar werden Gespräche der Regierung mit den Taliban wahrscheinlicher, doch die Gefahr von Anschlägen in Afghanistan bleibt bestehen.
    foto: epa / jawad jalali

    Zwar werden Gespräche der Regierung mit den Taliban wahrscheinlicher, doch die Gefahr von Anschlägen in Afghanistan bleibt bestehen.

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