Zweiter Weltkrieg: Von den Versuchen, Brände auszustellen

31. Juli 2015, 17:11
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Zwei Ausstellungen in Berlin zeigen verschiedene Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg

Berlin – Vier Jahre lang wurde im Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der Ukraine fast ununterbrochen gekämpft, verschleppt, umgebracht. Man kann sich kaum vorstellen, wie das Grauen jener Zeit in den "Bloodlands" (Timothy Snyder) bewusst zu machen ist. Das Deutsch-Russische Museum Berlin Karlshorst versucht es auf extrem reduzierte Weise: Aus Hunderttausenden von Objekten und Bildern, viele aus den Beständen der Kiewer Gedenkstätte für den Weltkrieg, hat es 64 Fotos ausgewählt und bestückt mit ihnen die Ausstellung "Brennende Ukraine 1939–1945".

Exemplarische Bilder zeigen die Folgen von Krieg und Terror vor allem im sogenannten "Alltag", der nie einer war: Deportationen, niedergebrannte Dörfer, deutsches Regime, sowjetisches Vordringen. Fotojournalistische und Privatbilder ergeben eine kompakte Einführung in dunkelste Zeiten.

Abseits der großen Berliner Museen gelegen, doch mit der S-Bahn gut zu erreichen, widmet sich Karlshorst seit Jahren der Aufarbeitung der deutsch-russischen (aber auch ukrainischen und belarussischen) Geschichte, im Verein mit Historikern und Kuratoren aus diesen Ländern. Zurzeit wird die Zusammenarbeit auf eine harte Probe gestellt. Denn die Ausstellung beginnt nicht mit dem deutschen Angriff 1941, sondern mit dem Überfall auf Polen 1939, bei dem die Sowjets sich Teile der Westukraine einverleibten und die Elite des Landes dezimierten.

Diese Lesart der Geschichte, und damit die Bildauswahl, widerspricht somit der offiziellen russischen (für die es eine Befreiung war), stützt die vorherrschende ukrainische Sicht und legt das Konfliktpotenzial bloß, das bis heute und besonders heute in der Region herrscht. Das allein schon macht die Schau sehenswert.

Ob Fotos allerdings tatsächlich eine "Quelle der Wahrheit" darstellen, wie ein Begleittext suggeriert, sei dahingestellt.

Manche Aspekte, etwa die mehr als problematische Rolle der "Organisation Ukrainischer Nationalisten", sind kaum oder gar nicht dokumentiert worden. Erklärende Worte müssen nachhelfen, wo das Material fehlt.

Zwölf nationale Perspektiven

Ein anderes Museum, weitere Länder, Fortsetzung der Geschichte: Ebenfalls in Berlin, im zentral gelegenen Deutschen Historischen Museum, ist gerade der Versuch zu sehen, das Ende des Zweiten Weltkriegs und die unmittelbare Zeit danach aus zwölf nationalen Perspektiven zu veranschaulichen, ohne einer Sicht den Vorrang zu geben. Deutschland nimmt in den sektorförmigen Kojen nicht mehr Platz ein als Österreich (Katalogtext von Oliver Rathkolb), Dänemark, Norwegen, Belgien, die Sowjetunion und sechs weitere Länder.

Was geschah mit den führenden Vichy-Kollaborateuren in Frankreich? Was machten kanadische Truppen in den Niederlanden? Wie ging die Ausweisung von Deutschen aus Polen vor sich, wie die der Protektoratssympathisanten aus der CSSR? Was bedeutete die Austeritätspolitik nach 1945 für den britischen Alltag? Und wie ging es eigentlich Luxemburg vor und nach dem Kriegsende?

Das sind Fragen, auf die es meist nur in den jeweils betroffenen Ländern Antworten und ein Wissen gibt. "1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang" macht sozusagen die Länder über ihre Grenzen (die auch als Bodenmarkierungen präsent sind) hinaus bzw. die Besucher aus vieler europäischer Herren Länder miteinander bekannt.

Ähnlich wie im Museum Karlshorst kann hier nur angedeutet werden, was 1945, davor und danach, für die Zeitgenossen bedeutet hat. Das Material ist allerdings vielfältiger, es reicht von Lebensmittelmarken bis zu Wahlplakaten, von einem Leiterwagen bis zu einer Medaille des Läufers Emil Zatopek. Dazu sind mehrere Zeitzeugen pro Staat porträtiert, deren Biografien dort weiterführen, wo die Objekte nichts mehr sagen können.

Das gelingt nicht immer. Zu Recht wurde die Ausstellung dafür kritisiert, dass die Auswahl der Gegenstände und der Porträts nur manchmal zu einem tieferen Verständnis beiträgt. Und wieso wurde der Süden Europas ignoriert? Weil die Kuratorinnen sich laut "FAZ" auf Nachbarländer Deutschlands konzentrieren wollten – was aber auch nicht stimmt.

Trotz dieser Probleme ist zu resümieren, dass sich die Schau von den zahlreichen nationalen oder globalen Gedenkveranstaltungen abhebt und einen vergleichenden Blick ermöglicht. Berlin-Besuchern zu empfehlen! (Michael Freund, 31.7.2015)

Deutsch-Russische Museum Berlin Karlshorst, "Brennende Ukraine 1939–1945", bis 6.9.

Deutsches Historisches Museum, "1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang", bis 25.10.

  • Die Bilder der Ausstellung "Brennende  Ukraine 1939–1945" im Deutsch-Russischen Museum widersprechen ...
    foto: tiomfej melnik, nmggvk

    Die Bilder der Ausstellung "Brennende Ukraine 1939–1945" im Deutsch-Russischen Museum widersprechen ...

  • ... der  russischen Sicht auf die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg.
    foto: martin bogart

    ... der russischen Sicht auf die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg.

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