Die Hasenjagd war ein Massaker

Userkommentar12. August 2015, 11:36
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Worte und ihre Wirkung. Auch mit Wörtern kann man schuldig werden, ohne dies beabsichtigt zu haben

Ich möchte ein Wort zurücknehmen. Das wird nicht einfach sein. Ein Wort ist kein Buch, das verborgt wurde und wieder in das eigene Bücherregal auf einen Haufen mit anderen Büchern zurückkehren soll. Ein Wort ist dünner als jedes Buch, es versteckt sich auch in Hintergedanken und wird dann gerne hervorgeholt, wenn es schillert, harmlos ist und Wirkung zeigt. Ein Buch muss aufgeschlagen werden, um gelesen zu werden. Ein Wort ist leicht gesprochen.

Auch mit Wörtern kann man schuldig werden, ohne dies beabsichtigt zu haben. Mit meinem Wort habe ich eine Anleihe gemacht, eine Anleihe gezeichnet. Ein Wort als Skizze. Die "Kremser Hasenjagd". Kein Wort, aber ein Bild für die Jagd auf die freigelassenen Häftlinge aus dem Zuchthaus Stein am 6. April 1945, die wieder eingefangen wurden, denen nachgestellt wurde von militärischen Verbänden, von SS, SA, vom Volkssturm und von der Hitlerjugend, von Dorfbewohnern, die den Weg gewiesen haben, die nicht geschwiegen haben als sie gefragt wurden, ob da nicht jemand vorbeigekommen sei.

Falsche Anleihe

Die Aktie ist so falsch wie die Anleihe. Die Liste der falschen historischen Anleihen ist lang. So ist die "Reichskristallnacht" heute bereits Geschichte. Wir sagen "Novemberpogrom", weil das Bild in seinem Glitzern verharmlosend wirkt.

Die Aktie, die ich meine, wurde in Mauthausen aufgelegt als "Mühlviertler Hasenjagd". Die Anleihe, die ich genommen habe, ist in der Zwischenzeit weit verbreitet als "Kremser Hasenjagd". Das habe ich unterschätzt, als wir dem Dokumentarfilm den entsprechenden Titel gegeben haben.

Gefangene, keine Hasen

Gefangene sind keine Hasen. Aber sie hatten so wenige Chancen wie Hasen bei einer Treibjagd. Wenige überleben, wenn die Treiber ihre Stöcke schlagen und das Wild aufscheuchen. Wir kennen das Bild, auch wenn wir nicht in Dörfern mit Jägern wohnen, die mit dem Auto vorfahren, um nicht zu weit gehen zu müssen. Und doch stimmt das Bild nicht. Menschen haben Gefangene versteckt, aber wer versteckt einen Hasen? Welcher Hase würde sich auch von einer Dorfbewohnerin verstecken lassen? In Wirklichkeit haben aber nicht wenige Bewohner Gefangenen geholfen, sie versteckt und mit Kleidern und Essen versorgt.

Die "Kremser Hasenjagd" beginnt sich festzusetzen, ohne dass ich dieses Bild durch mehrmaliges Wiederholen am Leben gehalten habe. Etwa als ich vor kurzem einem Kollegen in der Beiratsitzung für das Haus der Geschichte darauf hingewiesen habe, dass die Endzeitverbrechen und hier vor allem das Massaker in Stein 1945 nicht vergessen werden dürfen.

Blut und Schreie

Wir suchen nach Wörtern, um die Realität zu schildern ohne dabei selbst Schaden zu nehmen. Eine Hasenjagd klingt nicht so schlimm wie ein Massaker. Mit einer Hasenjagd können wir leben, Hasenjagd ist die Realität jedes Herbstes. Ein Massaker ist voller Blut und Schreie. Hasen geben keinen Ton von sich, sie sterben lautlos, zumindest hören wir keine Laute; wenn es welche gäbe, dann wären sie überdeckt durch die Schrotflinten und Rufe.

Ich möchte ein Wort zurücknehmen, ein Bild richtig zeichnen. Die "Kremser Hasenjagd" war keine Jagd, es war ein Massaker. Hier geht es nicht um Political Correctness, die manche nervt, weil die, die sie vertreten, gerne als Besserwisser auftreten. Es geht um die Wahrheit. Der Nationalsozialismus war keine "dunkle Zeit", der Mai 1945 brachte nicht das Kriegsende und ein Massaker ist keine Hasenjagd. (Robert Streibel, 12.8.2015)

Robert Streibel ist Historiker, Autor des Romans "April in Stein" (Residenz Verlag, Facebook) und Direktor der Volkshochschule Hietzing. Seine Homepage: streibel.at

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  • Gefangene sind keine Hasen. Das Bild der Hasenjagd ist falsch.
    foto: apa / dpa / patrick pleu

    Gefangene sind keine Hasen. Das Bild der Hasenjagd ist falsch.

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