Eine Schreibung, die niemandem recht ist

31. Juli 2015, 15:59
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Seit zehn Jahren gilt sie an Schulen verbindlich: Die neue deutsche Rechtschreibung erhitzt jedoch immer noch die Gemüter. Warum bloß?

Schreibe ich nun "kennenlernen" oder "kennen lernen", ist es "seit kurzem" oder doch "seit Kurzem"? Diese und viele andere Fragen führen bei Sprecherinnen und Sprechern des Deutschen oft zu Frustrationen. Geschimpft wird dann meistens auf die neue Rechtschreibung. Die eigentlich nicht mehr so neu ist: Seit zehn Jahren gilt sie verbindlich im Schulunterricht im deutschsprachigen Raum. Die 1996 in erster Fassung reformierte und dann 2004 und 2006 nachgeänderte deutsche Rechtschreibung scheint unter der Bevölkerung immer noch nicht richtig akzeptiert zu sein.

Anlässlich des zehnten Jahrestages der Reform äußerte sich sogar der Präsident des Rates für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, in deutschen Medien diesbezüglich äußerst kritisch. Die Reform sei überflüssig gewesen, man hätte sie nie der Politik überlassen sollen, kritisiert Zehetmair. Auch der Leiter der Duden-Redaktion, Werner Scholze-Stubenrecht, ist mit der reformierten Rechtschreibung nicht ganz glücklich. Zu viele Varianten seien erlaubt, so der Duden-Chef, der damals auch mit weniger Interventionen in der Rechtschreibnorm glücklich gewesen wäre.

Logik oder Tradition?

Späte Klugheit ist nämlich auch Klugheit – so haben sowohl Zehetmair als auch Scholze-Stubenrecht zumindest in einigen Aspekten Recht. Als Teil der standardsprachlichen Norm ist die Rechtschreibung eine reine Konventionssache. Ob wir "Känguruh" oder "Känguru" bzw. "Orthographie" oder "Orthografie" schreiben, beruht ausschließlich auf Vereinbarung und beeinträchtigt normalerweise die Kommunikationsfunktion der Sprache nicht.

Der Wunsch von Normativisten, eine möglichst logische und sprachwissenschaftlich argumentierbare Schreibweise zu entwickeln, die nicht nur den Muttersprachlern nutzt, sondern auch den Anderssprachigen das Erlernen der deutschen Sprache erleichtert, ist durchaus nachvollziehbar. Dies ist in der neuen Rechtschreibung auch teilweise gelungen, insbesondere was die Groß- und Kleinschreibung beziehungsweise ß- und ss-Schreibung betrifft.

Auf der anderen Seite sind Sprachen, die eine auf der Tradition basierte Schreibung bzw. eine sehr alte Rechtschreibung besitzen, keineswegs weniger attraktiv: Denken wir hier in erster Linie an Englisch und Französisch, die ihre Schreibregeln teilweise sogar aus dem Mittelalter tradieren. Darüber hinaus besitzt Englisch kein klassisches Rechtschreibregelwerk. Trotzdem wird ihre Schreibung – zwar mühevoller – gelernt und beherrscht. Es ist also in diesem Fall eher der Sprachusus als die Schreiblogik entscheidend.

(Zu) umfangreich?

Die letzte deutsche Rechtschreibreform war durchaus ein umfangreiches Unterfangen. Man wird kaum einen Text finden, in dem die neuen Rechtschreibregeln nicht zur Geltung kommen. Es ist gerade dieser Reformumfang, der viele Menschen vor der Änderung ihrer Schreibgewohnheiten zurückschrecken ließ. Man muss dazurechnen, dass sich die meisten die Rechtschreibregeln in der Schule aneigneten und sich jeweiliger späterer Normänderungen nicht bewusst waren oder sich dafür einfach nicht interessierten.

Das trug dazu bei, dass die neuen Regeln von einem Großteil der Sprachgemeinschaft schlichtweg als überflüssig empfunden werden. Das zeigt auch eine (zwar nicht repräsentative) Umfrage unter den Leserinnen und Lesern des Webportals des Bayerischen Rundfunks. Von diesen denken satte 88,9 % (Stand: 31. Juli 2015, 10.50 Uhr), dass die Rechtschreibreform unnötig gewesen sei. Der Grund: Der Aufwand für alle Beteiligten sei nicht gerechtfertigt, und außerdem sei ein Stück Kulturgut vernichtet worden. Ernüchternd.

Kein Konsens

Dass die deutsche Rechtschreibreform bis heute auf Widerstand stößt, ist unter anderem auch das Ergebnis eines fehlenden Konsenses unter den sog. Normautoritäten. Erinnern wir uns, dass sich einige führende Verlage in Deutschland – wie etwa Axel Springer – jahrelang weigerten, die reformierte Rechtschreibung umzusetzen bzw. die alte Rechtschreibung wieder geltend machen wollten. Gleichzeitig forderten zahlreiche Initiativen eine Rückkehr zum Alten. Die Schreibung wurde zu einem politisch-ideologischen Schlachtfeld und verfehlte ihre ursprüngliche Mission: eine orthografische Verbesserung für alle Beteiligten.

Nach zehn Jahren ist es jedenfalls zu früh, definitive Rückschlüsse über diese Reform zu ziehen. Die jüngere Generation, jetzige Schülerinnen und Schüler, kennt keine andere Alternative zur neuen Rechtschreibung – spätestens in einigen Jahrzehnten wird sich diese unter der Bevölkerung definitiv durchgesetzt haben. Zu hoffen bleibt, dass die zukünftigen Duden-Redakteure und Rechtschreibexperten aus dem Hickhack der letzten Rechtschreibreform genug gelernt haben. Eine so umfangreiche und vor allem so umstrittene Rechtschreibreform braucht die deutsche Sprachgemeinschaft keinesfalls noch einmal durchzumachen. (Nedad Memić, 31.7.2015, daStandard.at)

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