Ich will mich auf Anhieb zu Hause fühlen

3. August 2015, 05:30
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Die kroatische Künstlerin Tanja Deman, die zurzeit den Wiener Ringturm verhüllt hat, ist viel unterwegs

Die kroatische Künstlerin Tanja Deman, die zurzeit den Wiener Ringturm verhüllt hat, ist viel unterwegs. Über ihre Beweggründe und Sehnsüchte zu Hause und auf Reisen unterhielt sie sich mit Wojciech Czaja.

"Als Künstlerin bin ich viel unterwegs. Ich wohne in Hotels, Pensionen und Gästewohnungen. Am liebsten buche ich meine Unterkünfte im Internet, dann kann ich mir genau aussuchen, wo ich wohnen will, wie die Wohnung aussehen soll, wie ich meine Heimat und meinen Arbeitsplatz auf Zeit gestalten möchte. Ich verbringe viel Zeit damit, online die richtige Wohnung zu finden. Ich will reinkommen und mich auf Anhieb wie zu Hause fühlen können.

foto: lisi specht
Tanja Deman in ihrer derzeitigen Bleibe, einem Wiener Hotel. Die Aussicht auf Stadt, Menschen und Dachlandschaften mag sie, der Stil des Zimmers entspricht ihr weniger.

Jetzt gerade bin ich in einem alten, traditionellen Wiener Hotel mit Blick auf die Kärntner Straße. Ich mag die Aussicht, denn die Stadt mit ihren Passanten, Geschäften und Dachlandschaften ist präsent, sobald man aus dem Fenster schaut. Und das Glockenläuten der Kirchen! Nun, was den Stil dieses Hotels betrifft: Ich würde sagen, der gehört zu einer anderen Generation, nicht zu meiner. Aber für die kurze Zeit ist es schön, mitten in Wien zu wohnen.

Ich bin die ganze Zeit zwischen Zagreb, Split, Johannesburg, Deutschland und den Niederlanden unterwegs. Mittlerweile weiß ich nicht mehr, was privat und was fremd ist. Privat ist mein Körper, würde ich sagen. Der Rest ist relativ. Umso wichtiger ist mir, einen Ort zu haben, der passt. Am liebsten bin ich in Split. Das ist ein Ort der Ruhe, des Zu-Hause-Seins, jener Ort, an dem ich meine Batterien wieder aufladen kann.

In Split sind auch jene Fotos für die Installation Sommerfreuden entstanden, die nun den Ringturm zieren. Sommerfreuden – das ist für mich ein Ausdruck von Wasser, von öffentlichen Bädern, von zehn Meter hohen Sprungtürmen und all den Menschen, die dort zusammenkommen. In gewisser Weise, würde ich sagen, sind öffentliche Freibäder in ihrer ganz spezifischen Beschaffenheit Ausdruck der jeweiligen Kultur eines Ortes.

Der Ringturm wurde 1955 errichtet. Ich habe mich von der Bildsprache der Ansichtskarten der damaligen Zeit inspirieren lassen. Aus diesem Grund haben die Fotos nun diese typische Körnung. Außerdem sind die Farben kräftiger und intensiver als in Wirklichkeit. In Summe sind die Sommerfreuden eine Utopie, eine konstruierte Parallelwelt, eine Erinnerung an etwas, das es so in dieser Form nie gegeben hat.

Ich beschäftige mich für mein Leben gerne mit Utopien. Als Privatmensch jedoch habe ich es gerne handfest und real. Meine Wohnung in Zagreb befindet sich in einem sanierten Dreißigerjahre-Haus. 63 Quadratmeter, Holzboden, weiße Wände, überall Licht und Leichtigkeit. Auch die Möbel sind weiß und hell. Viele Möbel habe ich sogar selbst saniert.

Mein Elternhaus in Split ist ebenfalls aus den Dreißigerjahren, mit Balkon und Blick auf einen Garten mit Bäumen. Hier verbringe ich viel Zeit, wenn ich in meiner Heimat bin. Zurzeit allerdings lebe ich in einer Artists-in-Residence-Wohnung in Linz, die mir für zwei Monate zur Verfügung gestellt wurde. Ein Gebäude aus dem 15. Jahrhundert an der Donau. Ein großer, einfacher Raum mit schöner Atmosphäre. Bloß sind die Wände so dick, dass ich dort keinen Internetempfang habe. Eine willkommene Abwechslung!

Wenn ich über zu Hause spreche, dann kann ich das schwer an einem bestimmten Bauwerk, einem bestimmten Einrichtungsstil festmachen. Am ehesten ist zu Hause für mich die Summe von Soft Facts wie Ruhe, Sanftheit, Licht und Helligkeit, Kochen, Freunde einladen. Wenn ich mir ein Haus aussuchen würde, dann entweder einen Bau der brasilianischen Architektin Lina Bo Bardi oder ein Haus in Kapstadt, das Bridle Road House, errichtet vom argentinisch-kroatischen Architekten Antonio Zaninovic. In dieses Haus habe ich mich komplett verliebt." (3.8.2015)

Tanja Deman, geboren 1982 in Split, Kroatien, studierte Bildhauerei an der Akademie der Wissenschaften und Künste in Zagreb. Sie beschäftigt sich vor allem mit Fotografie, Video und Kunst im öffentlichen Raum. Ihre Arbeiten waren bereits in Venedig, Paris, London, Amsterdam, Moskau, Johannesburg und Buenos Aires zu sehen. Bis Mitte September ist in Wien noch ihre 4000 Quadratmeter große Ringturm-Verhängung Sommerfreuden zu sehen. Demnächst stellt sie ihre Arbeit in Paris im Rahmen der Ausstellung Les nuits photographiques aus.

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Tanja Deman

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