Berliner Stadtschloss: Eine Masse für die Mitte

2. August 2015, 09:00
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Der jahrelang umstrittene Bau zeigt sich vor allem als Symbol für die tonnenschwere Verpreußung der Berliner Republik und ihrer Architektur

"Seit der Kaiserzeit: Berlins klassisches Pilsner!", jubelt der Schriftzug der Biermarke stolz auf den Sonnenschirmen. Von der Dachterrasse, auf der sie stehen, bietet sich in der Tat ein kaiserlich-fürstliches Rundumpanorama. Nach Norden der Berliner Dom, 1905 errichtet, eine der hässlichsten Kirchen der Welt, plump, unproportioniert, und grobschlächtig, eine wilhelminische Warze, nicht gerade ein Aushängeschild des Preußentums.

Nach Westen die Prachtstraße Unter den Linden, in der Ferne das Brandenburger Tor, nach Süden schließlich: das Humboldtforum, die Rekonstruktion des 1950 von den DDR-Oberen gesprengten Hohenzollernschlosses, das im Juni frisch bekuppelt seine Gleichenfeier beging. Die Dachterrasse neben der Schlossbaustelle gehört zum kantigen Stahl-Glas-Gebilde der temporären "Humboldt-Box" (Krüger Schuberth Vandreike Architekten), die als Informations- und Werbeträger für den neuen Altbau dient.

Barock auf Knopfdruck

Mit seiner Baumasse aus glattem Sichtbeton wirkt der riesige Rohbau plastisch und homogen, wie ein fabrikneues Readymade aus einem Stadtschloss-3-D-Drucker, der täglich lauter identische Schlossrepliken vom Fließband purzeln lässt: Barock auf Knopfdruck. Zusammen mit der daneben aufgestellten Schaufassade, die das rekonstruierte Endprodukt zeigt, ein Bild, dass man eher in dem Neo-Neobarock zugeneigten Retortenhauptstädten demokratisch zweifelhafter Regimes wie im kasachischen Astana vermuten würde.

Es war von Anfang an ein heiß umstrittenes Unternehmen, doch nach mehr als 20 Jahren haben sich die Debatten pro und contra Schlossneubau deutlich erschöpft. Waren sich in den 1990er Jahren Schloss-Befürworter und Palast-der-Republik-Liebhaber gegenübergestanden, war das Machtungleichgewicht in der Berliner Republik bald deutlich: Eine auf Planen gedruckte Schloss-Simulation im Maßstab 1:1 brachte der Preußenfraktion 1993/94 den entscheidenden Vorsprung, die Palast-Fraktion wurde mit dem Asbest-Argument kaltgestellt und der DDR-Bau schließlich in Zeitlupe wegdekonstruiert.

2002 beschloss der Bundestag den Schlossneubau, 2007 die Rekonstruktion von drei der vier Fassaden in Originalform und ein Gesamtbudget von 552 Millionen Euro (die 80 Millionen für die Fassade werden aus privaten Spenden finanziert).

Den ausgelobten Architekturwettbewerb gewann 2008 einstimmig der Italiener Franco Stella, der dem originalgetreuen Nord-, West- und Südflügel einen Ostteil in norditalienisch-rationalistischer Strenge anfügte, getrennt durch eine schmale Fuge, "Schlossforum" getauft, die als öffentlicher Raum den insgesamt rund 190 mal 110 Meter messenden Kubus durchquert.

Sehnsuchtsort "Mitte"

Das Hauptargument pro Schloss: Das kulturell reiche Ensemble des Stadtzentrums um die Achse "Unter den Linden" sei räumlich genau auf den königlichen Kubus fixiert gewesen, und das preußische Puzzle könne nur durch ein wiederauferstandenes Schloss komplettiert und verstanden werden. Städtebaulich gesehen ist das zweifellos richtig. Fraglich ist, ob man dazu auch die detailgenaue Rekonstruktion der Fassade benötigt.

Doch der Magnetismus der Mitte wischte solche Bedenken vom Tisch. Kaum ein Wort liebten die Deutschen in den Jahren nach der Wiedervereinigung mehr. "Mitte" wurde zum neuen Sehnsuchtsbegriff einer Nation, die jahrhundertelang in Kleinstaaten zersplittert und deren Westteil nach 1945 föderal-provinziell aufgeteilt war.

Diese Mitte-Sehnsucht fand im gleichnamigen Berliner Bezirk ihr Gravitationszentrum, das junges Partyvolk genauso wie einstecktuchbewehrte Preußen-Aficionados magisch anzog. Partys, Galerien, Boheme, endlich alles an einem Ort versammelt, der "place to be" für die ganze Nation. Endlich Weltstadt, endlich Metropole! Während die Hipster in halbruinösen Hinterhöfen tanzten, entstand um sie herum die Manifestation der neuen Berliner Republik mit ihrer ganz eigenen, gnadenlos ernsten Mittesehnsucht.

Steinerne Architektur

Vorbei die Ära der rheinischen Bonn-BRD, deren Bauten von demonstrativer Bescheidenheit, Offenheit und Leichtigkeit geprägt waren. Sep Rufs schlichter Kanzlerbungalow, voriges Jahr für die Architekturbiennale in Venedig rekonstruiert, oder der heute vergessene, rundumverglaste Plenarsaal des Bundestags von Günter Behnisch (1992). Bauten aus einer Zeit, in der Politik noch nicht komplett von Angst bestimmt schien.

In der heutigen Berliner Republik herrscht eine tonnenschwer steinerne Architektur, die Masse, Tektonik und Gewicht betont. Die 2014 eröffnete Zentrale des Bundesnachrichtendienstes von den Architekten Kleihues+Kleihues, ein Orwell'scher Gigant mit 14.000 Schießscharten-Fenstern, zeigt dies am brutalsten. Zwischen Stadtschloss und der Stelle, an der einst das papierdünn aufgefächerte Betontragwerk der DDR-Gaststätte "Ahornblatt" (1973 erbaut, 2000 abgerissen) stand, mit seinem ingenieurtechnisch ausgelotetem Minimum an Masse, reihen sich heute großbürgerliche "Townhouses" für die neue Elite aneinander.

Mittendrin das Schloss als machtstrotzendes Indiz für diese bleierne Verpreußung, deren architektonische Ausläufer mit ihrer steinernen Strenge inzwischen die ganze Republik bis in den letzten rheinischen Zwickel geflutet haben. War das alte Schloss noch ein lebendiges, gewachsenes Additiv aus mehreren Bauphasen über fünf Jahrhunderte, entsteht es jetzt neu als fugenlose Einheitsmasse, als tiefenloses Abziehbild auf einem soliden Kern aus Stahlbeton.

Monumental, aber korrekt

Um sich selbst diese Schwergewichtigkeit akzeptabel zu machen, war allerdings nachzuweisen, dass man im Berlin auch Monumentalität kann, ohne sich Albert-Speer-Germania-Vorwürfe einzuhandeln, und dass sich ein im Original monarchistisches Bauwerk als Replik demokratisch zurechtbiegen lässt. Zu diesem Zweck erfand man das Humboldtforum. Unter Berufung auf Alexander und Wilhelm von Humboldt als Ikonen der wissenschaftlichen Neugier und Weltoffenheit und Namensgeber der benachbarten Universität soll an die humanistisch-liberale Tradition Preußens angeknüpft werden.

Die in der "Humboldt-Box" als erste Beispiele für das völkerkundliche Museumskonzept gezeigten Exponate lassen schon erahnen, dass das Humboldtforum ein Sammelsurium von vielen an sich guten Ideen ist, denen leider der Makel anhaftet, dass sie offensichtlich rekrutiert wurden, um die Kubatur des Schlosses aufzufüllen. Noch dazu zu einem Zeitpunkt, als der Stella-Entwurf schon feststand und jegliche kuratorische Offenheit im Ausstellungskonzept an den massiven Säulenreihen zu zerschellen drohte. "Die größte Mehrzweckhalle der Republik" nannte es damals der kürzlich verstorbene Architekturkritiker Dieter Bartetzko.

Ein vages Großes Ganzes, das sich irgendwie schon erklären und offenbaren wird, wenn die Leute in einem Raum herumstehen und sich Dinge angucken. Dass die Stadt Berlin unter dem Wowereit-Nachfolger Michael Müller im Juni dieses Jahres dem Humboldtforum noch schnell das Konzept "Welt.Stadt.Berlin" dazugesellte, verringert nicht gerade die Gefahr der Beliebigkeit.

T-Shirt mit Schlossfassade

Die Fokussierung auf Völkerkunde und die "andere Welt" ist unschwer zu deuten: Ein massives preußisches Monument in Berlin braucht ein globales Gegengewicht, um politisch akzeptabel zu sein. Das gefährliche deutsche "Wir" erteilt sich über das exotisch "Andere", und sei es nur in Gestalt polynesischer Boote, die Absolution vom Gespenst des Nationalismus. An der Welt Wesen soll Deutschland genesen.

Unten am Eingang der Humboldt-Box wird um Spenden für die Fassadenrekonstruktion geworben. Daneben kann man ein T-Shirt mit der Schlossfassade erwerben, Rot und Gold auf Schwarz, in künstlich angebröselter Schablonen-Typografie, die eher an anarchistische Protestplakate erinnert: Siegerjustiz im Zynismus-Design. Sieht man vom Regime ab, das ihn ersann, seht man sich fast zurück zum im Wortsinne so demokratiestolzen, zukunftsfrohen und offenen Konzept eines wirklichen "Palastes der Republik".

Andererseits: Von außen massiv und preußisch, von innen widersprüchlich und unsicher: In dieser Form dürfte das Humboldtforum immerhin all die, die sich vor neuer deutscher Großmannssucht fürchten, beruhigen. (Maik Novotny, 2.8.2015)

  • Astana oder Abu Dhabi? Nein, was hier aussieht wie der neobarocke Traum eines Despoten ist das Ergebnis von 25 Jahre Debatten und demokratischer Entscheidung: die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses mit dem Humboldtforum, im Juni 2015.
    foto: jörg schmiedekind

    Astana oder Abu Dhabi? Nein, was hier aussieht wie der neobarocke Traum eines Despoten ist das Ergebnis von 25 Jahre Debatten und demokratischer Entscheidung: die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses mit dem Humboldtforum, im Juni 2015.

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