Von Wenden und Wälzen

Kolumne31. Juli 2015, 17:00
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Vom nächtlichen Leben mit einem Gipsarm

Danke für alle Genesungswünsche nach meinem Fahrradsturz. Keine Sorge, ich werde Sie jetzt nicht wochenlang mit meinen Befindlichkeiten behelligen, aber heute muss ich es nochmals tun. Meine zwei lädierten Arme sind thematisch so aufdringlich, dass es mir schwerfällt, mich von ihnen zu distanzieren und aus dem externen kolumnentauglichen Humbug zu schöpfen. Ohne funktionstüchtigen Arm ist der Mensch arm. Klingt paradox, trifft aber zu. Man fühlt sich wie ein Alpha-Kevin.

Nehmen wir die Nachtruhe. Im unvergipsten Zustand drehe ich mich nächtens unbeschwert hin und her. Sobald der Körper genug davon hat, auf der einen Seite zu liegen, dreht er sich schnurstracks auf die andere, eine durchaus lustvolle Sache. Wie anders, wenn man vom Handgelenk bis zur Schulter einen Gips an sich kleben hat. Seit ich gezwungen bin, mit diesem penetrant harten und krummen Objekt zu nächtigen, hat sich das wohlige Wenden in ein lästiges Wälzen verwandelt.

Das Wälzen weist eine viel größere Drehfrequenz auf als das Wenden, es ist schlafstörend, schweißtreibend und generell sehr unangenehm. Wälzwälz, wälzwälz, die ganze Nacht. Bei der Strafe für den Frevler Sisyphus spielt das Wälzen zu Recht eine Hauptrolle (nur dass er weder Gips noch sich selbst, sondern einen Stein herumwälzt).

Mein Kater Balu war zunächst verdattert. Beim Kuscheln keine seidenweiche Ellenbeuge mehr, sondern knallharter Gips. Er fand aber schnell Gefallen daran und auch einen neuen Verwendungszweck. Er nimmt Anlauf und rennt wie ein Rammbock gegen den Gipsarm, sodass Gips und Katzenschädel mit einem doppelt hohlen Geräusch aneinanderkrachen. Seltsam. Das Tier muss in einem Vorleben ein Geißbock gewesen sein oder an der Wahnvorstellung leiden, es habe Hörner, die es abzustoßen gilt.

Nächste Woche soll es SEHR heiß werden. Ein lieber Arztfreund hat mir gesagt, dass sich viele Patienten nicht mit Stricknadeln unter den Gipsen kratzen, wenn es dort juckt, sondern mit Flaschenbürsten. Eine blendende Idee, auf die ich selbst nicht gekommen wäre. Die Flaschenbürstenfabrikanten sollten ihre Flaschenbürsten künftig mit dem Vermerk verkaufen "Kann auch als Unter-Gips-Kratz-Bürste verwendet werden". Damit vorläufig genug von Arm- und Beinbruch, die nächste Kolumne wird garantiert gipsfrei. (Christoph Winder, 31.7.2015)

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