Mircea Cartarescu: Schreiben als Glaubensakt

31. Juli 2015, 17:32
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Die Wunden mit Tinte füllen: Der rumänische Autor Mircea Cartarescu wurde diese Woche in Salzburg mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Eine Dankesrede über Literatur, Verantwortung und Zweifel

Seit beinahe vierzig Jahren schreibe ich Literatur. Und ich kann wohl sagen, dass ich in dieser langen Zeit – ein Menschenleben – schon allerlei geschrieben habe: Gedichte, Romane, Erzählungen, Essays, Literaturkritik und literaturhistorische Texte, Artikel zu politischen und kulturellen Themen, Kinderbücher, Reisebücher, Tagebücher, eine Epopöe und sogar ein Theaterstück.

Genauso wie Kafka könnte ich in der Rückschau sagen, dass ich "letztlich nichts als Literatur bin". In allen diesen Arten von Literatur, in denen ich je geschrieben habe, habe ich immerhin ehrenhafte Ergebnisse erzielt, denn ich habe immerzu, auch in den für weniger wichtig gehaltenen Genres, mit allen meinen Fähigkeiten und Kräften geschrieben, als wären dieser einzelne Vers, jener einzelne Satz, dieses einzelne Bild und jener einzelne Gedanke die Zeugnisse meines Schreibens, die nach einem verheerenden Brand allein noch übrig bleiben sollten. Keinen Augenblick lang habe ich – und sei es in einem bescheidenen Artikel für irgendeine Provinzzeitschrift – meine künstlerische Überzeugung und die Verbundenheit mit den historischen Wurzeln meiner Kunst preisgegeben – die große europäische Tradition.

In einer Gattung bin ich allerdings jedes Mal gescheitert. Es ist die äußerst schwierige Gattung der Dankesreden. Wahrscheinlich kommt es hier ganz entscheidend auf die Erfahrung an, sodass sich diejenigen, die schon mehrfach Gelegenheit hatten, solche zu halten, darin leichter tun. Was mich betrifft, so hat jeder Preis, den ich in den schon erwähnten vierzig Jahren erhalten habe, mich überrascht und in mir das zwiespältige Gefühl entstehen lassen, das die alten Griechen mit dem Wort Hybris benannten.

Es kam mir jedes Mal unverdient vor, als bekäme ich zu viel. Vor allem die großen und wichtigen Preise, von denen ich diesen oder jenen in den letzten Jahren erhalten habe, haben mich eher erschreckt, denn als Preis reicht mir die schlichte Dankbarkeit vollends, die ich empfinde, wenn ich ein Buch beendet habe und spüre, dass ich darin tatsächlich das habe ausdrücken können, was ich mir vorgenommen hatte.

Seelische Unrast

Alles, was darüber hinausgeht, ist mir Anlass zur Verstörung und seelischer Unrast. Denn ein Preis stellt nicht bloß eine Belohnung dar, er ist auch eine Last und übt einen schrecklichen Druck auf den aus, der ihn erhält. Nicht bevor man ihn bekommen hat, sondern erst danach muss man sich seiner würdig erweisen. Immer schon habe ich gespürt, dass Literaturpreise einen nicht für das geschaffene Werk belohnen, sondern das künftige, dem es nun zukommt, das Vertrauen zu rechtfertigen, das man einem entgegengebracht hat.

Erst mein nächstes Buch wird zeigen können, ob ich den heute mir verliehenen Preis auch wirklich verdient habe. Das ist der Grund, weshalb ich mich den Menschen gegenüber, die auf mich gesetzt hatten, stets in der Pflicht fühlte, und meine größte Sorge war es stets, sie künftig nicht zu enttäuschen. In jeder meiner ehrlich gemeinten Dankesreden müsste sich mithin neben meiner Dankbarkeit und meiner Freude auch der Ausdruck einer großen und nicht unterdrückbaren Angst finden.

In einer solchen Rede fällt es mir gleichermaßen schwer, über mich selbst zu sprechen. Ich tue dies niemals mit Vergnügen. Ich bin der Typ Schriftsteller, der sich nicht ein zweites Mal liest, der nicht unter Schriftstellern lebt, der sich nicht einmal selbst Schriftsteller nennt. Das Schreiben ist für mich ein Glaubensakt, eine Erkenntnisweise, ein Weg nach innen, wie Novalis es ausgedrückt hat.

Selbstgespräch

Auch schreibe ich nicht, um Bücher zu veröffentlichen. Eigentlich ist alles, was ich je geschrieben habe, ein langes Tagebuch, also ein langes Gespräch, das ich seit vierzig Jahren mit mir selbst führe. Ich schreibe nur von Hand, in einer langen Rede, aus der ich nichts tilge und der ich nichts hinzufüge. Auch schreibe ich niemals, wenn ich nicht spüre, dass ich schreiben muss, sodass das Wort "Schreiben" auf das, was ich da an meinem Schreibtisch treibe, nicht so recht zutrifft. An seiner Stelle müsste ich sagen, "ich werde geschrieben".

Tatsächlich, meine Situation ähnelt noch am ehesten der eines Tätowiermeisters, der seine Kunst auf der eigenen Haut ausübt. Ganz allmählich bedeckt er seinen ganzen Leib mit schrecklichen, bezaubernden, kitschigen, fantastischen, beunruhigenden und erheiternden Szenen und Bildern, mit Schlaufen und Blütenranken die weder die Schädeldecke noch die Lippen, weder die Lider noch die Rippen, den Nabel, das Geschlecht und die Finger verschonen. Letztlich verbleibt nur noch ein winzig kleiner Fleck auf seinem Leib, der zwischen den Augenbrauen, auf den die Tätowiernadel, die Haut öffnend und die Wunden mit Tinte füllend, die letzte Figur tätowiert, das dreieckige, das göttliche und hellsichtige Auge.

Die meisten Autoren halten hier inne, was kann man sich denn noch eintätowieren, wenn man sich schon die ganze Haut bedeckt hat? Wo kann man sich denn eine weitere besorgen? Man muss sich damit zufriedengeben, dass der eigene literarische Traum an sein Ende gekommen ist. In dieser Situation befand ich mich, bevor ich die Orbitor-Trilogie begonnen habe. Ich war in eine tiefe Hoffnungslosigkeit gestürzt, denn jeder Zentimeter meiner Haut war schon von Versen bedeckt, Sätzen, Parabeln und Symbolen.

Was würde ich weiterhin und bis zum Ende meines Lebens tun? Und mit einem Mal begriff ich, dass mein Leib nicht nur eine Epidermis hatte, sondern auch Tiefe. Dass mir noch weite unerkundete Räume in der rätselhaften Tiefe meines Leibes zur Verfügung stehen. Und ich begann damit, mein Herz zu tätowieren, die Lungenflügel, die Eingeweide und Nieren, die Adern und Venen mit tintigen Blumenranken zu überziehen, um schließlich in dem Kristallpalast zu landen, den wir alle unter der Schädeldecke haben, unser fernes und melancholisches Gehirn, das, wie es in einem Gedicht von Rilke heißt, "wie eine weiße Stadt / am Ende des Strahls in den Himmeln steht".

"Orbitor", das ist eine große dreidimensionale Tätowierung meines gesamten Leibes. Als ich die Trilogie beendet hatte, kannte mein Jammer keine Grenzen, genauso wie damals, als ich keinen Platz mehr auf der Haut hatte. Ich benötigte fünf öde und äußerst traurige Jahre, um zu begreifen, dass mein literarisches Leben mit Orbitor nicht beendet war, sondern eben erst begonnen hatte.

In dem Buch, das ich demnächst veröffentlichen werde, gehe ich mit meiner Schmerz- und Tinten-Anabasis ein beträchtliches Stück Weges weiter: Darin habe ich meine tiefsten Gründe tätowiert, mein inneres Wesen. Ich habe mein Gedächtnis und meinen Willen aufgeritzt, die Wünsche und Neigungen, die finsteren Genüsse und das ekstatische Leiden. Ich habe jede Falte und jede Ausstülpung jenes Wesens tätowiert, das uns im innersten Kern unseres Gehirns bewohnt: unsere diaphane Seele.

Schließlich ist eine Dankesrede auch deshalb schwer hinzukriegen, weil die Anerkennung keiner Worte bedarf. Wenn der Dank wahrhaftig ist, drückt er sich durch einen schlichten Händedruck aus, durch einen Blick, ein Lächeln. Dass ich diesen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhalten habe, erfuhr ich, als ich im Frühjahr aus Leipzig zurückgekehrt war, wo ich einen bedeutenden deutschen Preis bekommen hatte. Es fällt mir nicht leicht, Ihnen die Überraschung kenntlich zu machen, mit der ich zu Hause im Briefkasten den Umschlag mit dem Namen des österreichischen Ministeriums für Kultur vorgefunden habe. Als ich ihn gelesen hatte, konnte ich es kaum glauben. Ich bin mit solchen Erweisen von Wertschätzung nicht vertraut.

Kein Spiel

Gleichzeitig habe ich eine enorme Freude und Genugtuung empfunden – aber auch eine ebenso große Furcht. Denn einen solchen Preis verliehen zu bekommen, einen solchen Blankoscheck, der bis auf den letzten Groschen verdient werden will, ist für mich kein Spiel. Aber meine Aufgeregtheit hatte nicht allein damit zu tun. Ich gestehe Ihnen jetzt in aller Aufrichtigkeit, dass Österreich in ganz Europa und neben meinem Geburtsland das Land ist, das ich am meisten liebe. Ich habe mal ein ganzes Jahr in Wien gelebt, ich bin zu Lesungen in viele Städte Ihres erstaunlichen Landes gereist, meine literarische Mythologie ist überladen von unvergesslichen Autoren der österreichischen Moderne, und nicht zuletzt ist mein beständigster Verleger, ohne den meine Bücher im deutschsprachigen Raum kaum ein bemerkenswertes Schicksal gehabt hätten, ein Österreicher.

Oftmals haben meine Frau und ich in Tagtraumanflügen daran gedacht, für einen längeren Zeitraum nach Österreich zurückzukehren, denn Freunde und Nostalgien haben uns zutiefst mit Ihnen und Ihrem Land verbunden.

Anstelle der Rede, auf die Sie heute hier vergeblich gewartet haben, spreche ich vor Ihnen nur ein schlichtes "Dankeschön" aus. Meine Dankbarkeit gilt der Republik Österreich und dem österreichischen Bundesminister für Kunst und Kultur für die große und keinesfalls zur Gänze verdiente Ehrerbietung, die mir durch die Verleihung dieses großartigen Preises zuteilwurde.

Ich habe die Liste der vor mir mit diesem Preis Ausgezeichneten eingesehen: Darunter finden sich einige der größten Schriftsteller der Welt. Ich danke der Jury, die mir ihr Vertrauen geschenkt hat. Ich danke dem Paul-Zsolnay-Verlag in Wien, durch dessen Sorgfalt meine Arbeiten auf vorzügliche Weise veröffentlicht und sogar über den deutschen Sprachraum hinaus bekannt gemacht wurden und werden. Ich danke meinen Übersetzern, die übersetzend Kunstwerke haben entstehen lassen, die dem Original in nichts nachstehen. Ich danke Ihnen allen, denen, die Sie sich mit mir über diese wunderbare Zeremonie freuen, zu der uns Salzburg, die Stadt Mozarts, eingeladen hat. Ich wünsche Ihnen, teilzuhaben an meiner überschwänglichen Freude, überlassen Sie die Unruhe und Ungewissheiten dabei getrost mir. Danke, danke! (Mircea Cartarescu, Album, 31.7.2015)

Mircea Cartarescu, geboren am 1. Juni 1956 in Bukarest, wuchs in einer Arbeiterfamilie in einem Haus ohne Bücher auf. Sein literarisches Talent fiel früh auf, ernsthaft zu schreiben begann er allerdings erst während eines Philologiestudiums. 1978 veröffentlichte er erste Gedichte. Anschließend war er zehn Jahre als Rumänischlehrer an einer Bukarester Schule tätig. Seine erste Erzählsammlung "Nostalgia" konnte erst nach dem Mauerfall erscheinen. Bei vorliegendem Text handelt es sich um die Rede, die der Autor anlässlich der Entgegennahme des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur am 27. Juli in Salzburg hielt. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zuletzt erschien bei Zsolnay der abschließende Band der "Orbitor"-Trilogie unter dem Titel "Die Flügel".

  • "Auch schreibe ich niemals, wenn ich nicht spüre, dass ich schreiben  muss, sodass das Wort 'Schreiben' auf das, was ich da an meinem  Schreibtisch treibe, nicht so recht zutrifft. An seiner Stelle müsste  ich sagen, 'ich werde geschrieben'": Mircea Cartarescu.
    foto: apa / epa / juan herrero

    "Auch schreibe ich niemals, wenn ich nicht spüre, dass ich schreiben muss, sodass das Wort 'Schreiben' auf das, was ich da an meinem Schreibtisch treibe, nicht so recht zutrifft. An seiner Stelle müsste ich sagen, 'ich werde geschrieben'": Mircea Cartarescu.

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