Franzobel: Zwischen Wien und Sarajewo

5. August 2015, 15:00
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Rübenkönigin beißt ins Gras: Franzobels neuer Krimi "Groschens Grab".

Ernestine Papouschek, eine pensionierte 82-jährige Buchhändlerin, liegt ermordet in ihrer Wohnung in der Wurlitzergasse. Ein Augapfel schwimmt im Klo, und auch sonst ist das Arrangement der Leiche recht eigenwillig. Kommissar Groschen hat es hier mit einem pseudoprominenten Opfer zu tun. Die Tote hatte soeben den pornografischen Roman Die Rübenkönigin veröffentlicht, ein saumäßig schlechtes Machwerk, aber detailliert genug, um Ernestine Papouschek eine späte Karriere als Lustgreisin in sämtlichen Talkshows zu bescheren.

Franzobels neuester Streich ist ein leichtfüßiger Krimi, in dem Personen und Ereignisse bis zur Kenntlichkeit belassen sind. Es ist ja nicht so, dass es nicht genug Kabarettstoff in Österreich gäbe. Franzobel hat es also nicht schwer, sich der vorhandenen Absurditäten zu bedienen. Mit etwas zahmer Ironie beschreibt er die verschiedenen sozialen Schichtungen.

Olfaktorischer Tinnitus

Sein Kommissar Groschen hat einen olfaktorischen Tinnitus, will heißen, er wird von einem hartnäckigen unidentifizierbaren Geruch und Geschmack verfolgt und ist bei seinem zweiten Fall auch sonst nicht gut drauf. Die Verdächtigen sind allesamt recht exzentrisch.

Der Nachbar, eine Mischung aus Rocker und Nazi, bietet sich optisch als Täter an, ein weiterer möglicher Mörder ist bereits einschlägig bekannt. Er hat seine Frau umgebracht, sich im Gefängnis geläutert und ist in ein Kloster eingetreten, wo der ehrwürdige Prior Donatus Henkel von Germershausen das Sagen hat und Groschen auf die Nerven geht.

Die Rübenkönigin ist aber nicht Einzige, die ins Gras beißt. Zuvor hat es auch noch einen schwulen Nobelschneider erwischt, der zwingend an einen gewissen Mooshammer erinnert. Mehrere Figuren haben ihre Jugend in der Kommune eines Udo Schmalzl verbracht, und das reichlich vorhandene Dokumaterial der realen burgenländischen Ex-Kommune hat weiteren Stoff geliefert.

Das alles ist ein wenig seicht, und die Auflösung des Falles scheint auch ein bisschen zu überdreht, wenn schon Trash, dann bitte konsequent. Franzobel bleibt hier hinter seinen Möglichkeiten. Das wird deutlich, wenn er zum Beispiel die Atmosphäre in Sarajewo schildert, die raue Landschaft, die Tristesse der zerschossenen Fassaden und den Fatalismus der Einwohner. Da wird es wirklich plastisch und eindrücklich, und diese Bilder sind es auch, die im Gedächtnis bleiben. (Ingeborg Sperl, Album, 1.8.2015)

Franzobel, "Groschens Grab". € 18,40/ 285 Seiten. Zsolnay, Wien 2015

  • Bedient sich vorhandener Absurdidäten: Franzobel.
    foto: heribert corn

    Bedient sich vorhandener Absurdidäten: Franzobel.


  • Artikelbild
    cover: zsolnay
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